Langes Wochenende der Neuen Dramatik - Theater Münster
Bis der Tornado tobt
15. Juni 2025. Junge Leute, kurze Stücke, guter Drive. Am "Langen Wochenende der Neuen Dramatik" in Münster kriegt man einen Einblick in Handwerk und Dichtkunst der kommenden Autorenriege. Und ihrer Regisseur*innen. Aus UdK Berlin und Folkwang Uni Essen. Lohnenswert.
Von Kai Bremer
"Das Mutz" von Malte Schwoch beim Münsteraner Dramatik-Fest © Merle Trautwein
15. Juni 2025. Tief im Westen der Republik, in der großen und gleichwohl beschaulichen Universitätsstadt Münster wusste man bisher wenig, eigentlich gar nichts vom Mutz. Gestern jedoch wurde unvermittelt eins dieser Tierchen am Bahnhof gesichtet. Sein kuscheliges Fell spannt sich über sein wohlgenährtes Bäuchlein, es trägt eigentümliche Hörnchen auf dem Kopf und eine Schweinsnase.
Kein Wunder, dass ein solches Tier für Aufsehen sorgt und quer durch die Stadt gejagt wird. Begleitet vom "Tatort"-Soundtrack kann man das auf der golden eingerahmten Leinwand verfolgen, ehe das arme Tierchen von den drei es jagenden Geschwistern Maxim (Christian Bo Salle), Maxi (Katharina Rehn) und Max (Pascal Riedel) ins Theater und dort gleich auf die Schlachtbank gezerrt wird, um ihm mit martialischen Werkzeugen zu Leibe zu rücken.
Bizarre Schlachtung in "Das Mutz" von Malte Schwoch
Das ficht das Mutz (Julius Janosch Schulte) freilich nicht an. Freundlich und kein bisschen besorgt erzählt es vom Dasein im schönen Thüringer Wald, während die Geschwister es sezieren. Gummigedärme fliegen durch die Luft, während das Mutz freudestrahlend blutrotes Konfetti in die Luft wirft. Statt die Schlachtung rasch durchzuziehen, um anschließend nett zu speisen, geraten die drei Geschwister aber in Streit: Sollen sie in das inzwischen leerstehende Elternhaus mitten im Wald zurückkehren oder ihr Leben fernab ihrer Heimat weiterleben?
Malte Schwochs Stück "Das Mutz" kreuzt auf bizarr-komische Weise den thüringischen Mythos von diesem eigentümlichen Tier mit einer ostdeutschen Familiengeschichte. Der von Jette Micheel inszenierte Text war der dritte von vier, die gestern am Theater Münster im Rahmen des Kurzfestivals "Langes Wochenende der Neuen Dramatik" auf die Bühne gebracht wurden. Gestaltet hat das Festival Victoria Weich, die auch die vier Inszenierungen jeweils kurz ankündigte. Verfasst wurden die Stückentwürfe von vier Studierenden von der Berliner Universität der Künste. Inszeniert wurden sie von drei Regie-Studierenden der Folkwang Universität der Künste in Essen und dem Münsteraner Ensemblemitglied Nadine Quittner. Das Festival fand jetzt zum dritten Mal statt und stand unter dem Titel "Warten auf den Knall".
Lila Tornado in "Anti-Klima(x)" von Louis Vincent Platzer
Ein solcher Titel verheißt, nicht zuletzt angesichts der Nachrichten der letzten Tage, mindestens einen sorgenvollen, wenn nicht gar apokalyptischen Blick auf die Gegenwart. Doch blieben die momentanen Katastrophen bemerkenswert randständig. Eigentlich wurden lediglich die Folgen des Klimawandels thematisiert, nämlich in Louis Vincent Platzers "Anti-Klima(x)".
Es war das letzte Stück des Abends und schildert zunächst die Geschichte von Jimmy Parton (Ansgar Sauren). Er möchte Country-Sänger werden. Auf seiner Reise begegnet er der Kartographin Henriette (Katharina Brenner), ohne dass die beiden sich wirklich etwas zu sagen haben. Auch mit der 'Gruppe' (verkörpert allein von Ilja Harjes in einem türkisfarbenen Catsuit) wird Jimmy nicht recht warm. Aber seine Geschichte verliert allmählich auch immer mehr an Bedeutung, weil ein Tornado aufzieht.
Katharina Brenner, Ilja Harjes und Ansgar Sauren in "Anti-Klima(x)" von Louis Vincent Platzer © Merle Trautwein
Diese zunächst etwas schräge Geschichte nähert sich letztlich der großen Frage, was vom Individualismus angesichts der sich ereignenden klimatischen Veränderungen bleibt. Charlotte Weidinger vertraut in ihrer Inszenierung von Platzers Text vor allem auf das Spiel der drei Darstellenden – und auf Princes "Purple Rain", mit dem sie die Tornado-Szene unterlegt. Das ist natürlich kitschig. Aber dieser Song fegt gleichzeitig auch nach mehr als 40 Jahren immer noch alles weg. Selbst leichte Bedenken ob der dann doch etwas sprunghaften Dramaturgie des Stücks.
Narben zeigen in "Halb so schlimm" von Anton Fischer
Ganz wörtlich zog sich die Frage nach dem Knall durch die erste Inszenierung des Abends, Anton Fischers "Halb so schlimm". Auf einem Acker findet der junge Alexander (Alaaeldin Dyab) ein Gewehr. Es war Requisit in einem Film, der dort gedreht wurde, und ist irgendwie im Erdreich verschütt gegangen. Deswegen kann es eigentlich auch nicht knallen, aber wenn Alexander von seinem Vater (Raphael Rubino) aufgefordert wird, mit richtiger Schusshaltung auf ihn zu zielen, rechnet man doch mehr als nur ein Mal damit, dass sich wider Erwarten ein Schuss löst. Doch stattdessen geht Fischer von bizarren Szenen wie dieser aus, um ein Feuerwerk der Situationskomik abzubrennen.
Alaaeldin Dyab und Artur Spannege in "Halb so schlimm" von Anton Fischer © Merle Trautwein
Regisseurin Asena Yeşim Lappas unterstützt das auf einfache wie überzeugende Weise, indem sie die Schauspieler sich immer wieder sehr nah kommen lässt und so die dörfliche Distanzlosigkeit zum Ausdruck bringt. Höhepunkt dieser Inszenierung, die vor allem die erste Hälfte des Textes auf die Bühne bringt, ist das Gespräch zwischen Alexander und seinem väterlichen Freund Schmied (Artur Spannagel). Der versucht Alexander eigentlich nur davon zu überzeugen, dass dessen Kratzer an einem Finger kein Pflaster braucht. Um das zu tun, zeigt er ihm wort- wie gestenreich all die Narben, die seinen Körper zieren. Auch um dem Jungen klar zu machen, was ein echter Mann ist. Doch bleibt sein Einsatz letztlich erfolglos. Alexander bekommt sein Pflaster.
Fischer setzt in seinen Dialogen die Pointe ähnlich präzise und gleichzeitig einnehmend wie in "Tatortreiniger" oder "Warten auf'n Bus". Die drei Darsteller, allen voran Spannagel, sprechen sie trotz Textbuch auf den Knien oder in der Hand (für das ganze Festival standen insgesamt nur sieben Probentage zur Verfügung) so hinreißend, dass die drei nach nur wenigen Minuten das ganze Publikum für sich eingenommen haben.
Das Schnurren der Catladies in "Hystéra, Who's Your Mommy" von Clara Bender
Das ist auch der zweiten Kurzinszenierung des Abends gelungen, "Hystéra, Who's Your Mommy" von Clara Bender. Eigentlich handelt der Text nur von einer Sache, nämlich der für die Betroffenen oft so nervigen Frage, wann endlich das erste Kind kommt. Bender variiert sie nicht nur, indem sie zeigt, in welchen Konstellationen die Frage Ira (Daryna Mavlenko) begegnen. Die junge Frau ärgert und frustriert die Frage immer wieder, wirklich knallen lässt sie es – anders als man es angesichts ihres Namens hätte erwarten können – aber nicht. Stattdessen meidet sie Familientreffen.
Agnes Lampkin, Daryna Mavlenko und Carola von Seckendorff in "Hystéra, Who's Your Mommy" von Clara Bender © Merle Trautwein
Bender ergänzt diese Szenen durch den Chor der Catladies (Agnes Lampkin und Carola von Seckendorff). Sie tragen wie Ira unter ihren dünnen Strickjäckchen Nachthemden mit Raubkatzenprints und versuchen, verschiedene historische und mythische Vorbilder zu beschwören, scheitern aber. Die Frage scheint zu triumphieren. Die Stärke von Benders Text, die Regisseurin Nadine Quittner gut akzentuiert, ist, dass sie am Ende neben all dem Frust versöhnliche Töne anstimmt. Die Catladies stehen zwar zu ihrem Leben, aber mit der Familie brechen mögen sie auch nicht. Ein Stück so widerspenstig wie ein Song von Taylor Swift.
Die Werkschau war also im besten Sinne unterhaltend. Deswegen war es um so verstörender, dass der Abend eine erschreckend geringe Resonanz beim Publikum hatte, ganze Sitzreihen blieben leer. Das muss schon deswegen beklagt werden, weil das Zusammenspiel von Text und Regie angesichts der angedeuteten Produktionsbedingungen beeindruckte. Das muss es aber auch, weil das Münsteraner Ensemble inzwischen hervorragend eingespielt ist. Die Werkschau "Langes Wochenende der Neuen Dramatik" war deswegen zugleich eine Leistungsschau des Ensembles.
Langes Wochenende der Neuen Dramatik
Künstlerische Leitung: Victoria Weich, Ausstattung: Ayana Lechelt, Dragana Ilic, Jan Firgau, Dramaturgie: Julia Fiebag, Victoria Weich.
Das Mutz
von Malte Schwoch
Regie: Jette Micheel
Mit: Katharina Rehn, Pascal Riedel, Christian Bo Salle, Julius Janosch Schulte
Dauer: 25 Minuten
Anti-Klima(x)
von Louis Platzer
Regie: Charlotte Weidinger
Mit: Katharina Brenner, Ilja Harjes, Ansgar Sauren
35 Minuten
Halb so schlimm
von Anton Fischer
Regie: Asena Yeşim Lappas
Mit: Alaaeldin Dyab, Raphael Rubino, Artur Spannagel
Dauer: 30 Minuten
HYSTÉRA (who's your mommy)
von Clara Bender
Regie: Nadine Quittner
Mit: Agnes Lampkin, Daryna Mavlenko, Carola von Seckendorff
Dauer: 30 Minute
www.theater-muenster.com
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