Karussell der Karrieristen

12. Mai 2024. Die Geschichte von Aufstieg und Fall des Managers Thomas Middelhoff inspirierte Rainald Goetz zu seinem Roman Johann Holtrop. Jetzt hat Henri Hüster den Stoff um die Ecke von Gütersloh, wo der Konzern Bertelsmann residiert, inszeniert. Und wie!

Von Karin E. Yeşilada 

"Johann Holtrop" von Rainald Goetz am Theater Paderborn © Tobias Kreft

12. Mai 2024. So nah dran war bislang noch keine Inszenierung am Ort des Geschehens: gut 30 Kilometer von Paderborn entfernt ist Gütersloh, Firmensitz des Bertelsmann Konzerns; im gleichen Radius liegt Bielefeld, Geburtsstadt von Thomas Middelhoff. Es gilt inzwischen als gesetzt, dass Parallelen zwischen dem fiktiven Johann Holtrop und dem Assperg Konzern und realen Personen und Konzernen durchaus gewollt sind im 2012 erschienenen Roman "Johann Holtrop" von Rainald Goetz. Seine satirische Geschichte über Aufstieg und Fall eines deutschen Spitzenmanagers ist das hyper-extra-realistische Unsittenbild der New Economy, voller "Macher", "Nullen" und "Dreams", wo Milliardenbeträge, Manager und ineffiziente Existenzen gemacht, jongliert und vernichtet werden.

Der echte Middelhoff ist nach Verbüßung seiner Gefängnisstrafe längst wieder on top und erklärt auf seiner Webseite, dass es sich bei einem "Reset" um "einen kompletten Neustart" handele, "bei dem alle bisherigen Parameter eines Lebensmodells verändert" würden, alles "infrage gestellt" werde und nichts bleibe "wie es war." Während er den Neustart als Chance verkauft, erlebt sein Alter Ego auf der Bühne der Westfälischen Kammerspiele nach einem kometenhaften Aufstieg den krachenden Untergang. Wer hat das letzte Wort, Kapitalismus oder Kunst?

Mitreißend, böse, unterhaltsam

Es ist ebenso unfair wie angebracht, die dritte Theateraufführung des Romans in der von Stefan Bachmann und Lea Göbel erarbeiteten Bühnenfassung vergleichend in die Reihe der gefeierten Kölner Uraufführung und der Mainzer Inszenierung von Friederike Heller zu stellen. Auch in Paderborn war Autor Rainald Goetz anwesend, und er dürfte mit der Inszenierung von Regisseur Henri Hüster und Dramaturgin Lena Kern sehr zufrieden gewesen sein. Die gut zweieinhalbstündige Tour de Force auf einer grandios gestalteten Bühne ist mitreißend, böse und unterhaltsam. Wir verfolgen Aufstieg und Triumph eines narzisstischen Workaholic, den Andreas Spaniol mit jovialem Dauergrinsen gibt, herrlich ungut an das Original erinnernd, selbst noch in der Krise hyperaktiv fahrig herumgeisternd.

Aufstieg und Fall eines narzistischen Workaholic: © TobiasKreft

Die vier Schauspieler und drei Schauspielerinnen wechseln zwischen Einzelfiguren und chorischer Menge hin und her, Dialoge und chorisches Sprechen wechseln miteinander ab, immer wieder bricht börsenmaklerische Kakophonie los, manchmal wird gesungen, und zwischendrin herrscht bedrohliche Stille. Selten ist Johann Holtrop ganz allein anzutreffen, meist umgeben ihn Untergebene oder Geschäftspartner*innen, und auch sein Tod vollzieht sich quasi als Revuenummer, in der alle tänzerisch das rechte Bein heben, mit dem der Manager den Ausstieg aus dem Suizid verstolpert.

So stirbt er also und die Welt dreht sich weiter, zu dröhnenden Synthie-Klängen. Hier sei die einzige nennenswerte Schwäche der ansonsten beeindruckenden Inszenierung angesprochen: Die viel zu laute Tonkulisse überdröhnte viel zu oft, so dass die Schauspieler*innen trotz Mikroports akustisch kaum zu verstehen waren (lieber Till Herrlich-Petry: bitte künftig leiser drehen!)

Der Konferenztisch als Bühne der Machiavelli-Welt

Bühne und Kostüme der Paderborner Inszenierung sind so einfach wie überzeugend. Hier hat Luisa Wandschneider einen großen Wurf gelandet: Vor einer an Hochhausfassaden erinnernden Fensterwand steht ein riesiger, gut vier Meter durchmessender, runder Konferenztisch mit sieben simplen Stühlen drumherum und bildet die Bühne dieser Machiavelli-Welt. An ihm sitzen, um ihn herum pesen oder auf ihm tanzen die Schauspieler*innen, und wenn sich das Ganze auf der Drehbühne dreht und einer nach dem anderen New Economy Sprech brabbelnd an uns vorbeizieht, ist das Karussell der Karrieristen gruselig anzuschauen.

Genial die Kostümierung der sieben Schauspieler*innen in einförmige, knallbunte Anzüge, deren Farben von Lila über Blau bis ins Grüne reichen. Holtrop leuchtet in energischem Orange aus diesem Konzept heraus. Der Einheitslook wird durch hässliche Perücken verstärkt (Alexander Wilß als der geschasster Thewe erinnert dadurch ein bisschen an Horst Schlämmer). Ansonsten herrscht Understatement: Einfache Stühle statt Chefsessel, Anzüge von der Stange, kein Blingbling, nur Kristen Potthoff darf als Gabriele Heinzen mal in rote Lackstiefel und Satinbluse schlüpfen. Das monochromatische Konzept wird bis in die sparsamen Requisiten (Annette Seidel-Rohlf und Sona Ahmadnia) durchgehalten, eine großartige Optik.

Furiose Ausstattung, tolles Ensemble © Tobias Kreft

Die Choreografie der spielwütigen Schauspieler*innen ist gut durchdacht: Holtrop dominiert natürlich das Geschehen, aber auch sein (etwas blass wirkender) Gegenpart Thewe geistert Mahnmal gleich auf der Konferenztisch-Bühne. Potthoff gibt den intriganten Blaschke wunderbar sonor und die Verlegergattin schön schrill, Kai Benno Vos und Jan Gerrit Brüggemann brillieren beide als karrieregeile Jung-Manager, und Claudia Sutter verleiht der satirischen Erzählstimme eine wunderbar fiese Tonlage.

(K)einer von uns

Es ist ja nicht wenig Text, den die sieben Schauspieler*innen zu bewältigen haben, und sie machen das ganz großartig, mit viel Energie und sehr abwechslungsreich. Zwischendurch erfreuen kleine Szenen mit klassischer Bühnenkomik, etwa wenn Potthoff, Sutter und Brüggemann mit einem Kuchenteller hantieren. So bleibt auch das Publikum im nur zu Dreiviertel besetzten großen Saal der Westfälischen Kammerspiele in Paderborn bis zum Schluss dabei, und das trotz der verlockenden Konkurrenz von Sommerwetter und ESC da draußen. Aber es ist eben auch ein angenehmes Kribbeln zu wissen: Gütersloh ist um die Ecke, und der Bielefelder ist (k)einer von uns.

 

Johann Holtrop
nach dem gleichnamigen Roman von Rainald Goetz
Fassung von Stefan Bachmann und Lea Goebel
Regie: Henri Hüster, Bühne & Kostüme: Luisa Wandschneider, Musik: Florentin Berger-Monit und Johannes Wernicke, Choreographie: Rebecca Rosa Liebing, Dramaturgie: Lena Kern, Licht: Marcus Krömer und Fabian Cornelsen, Ton & Video: Till Herrlich-Petry.
Mit: Jan Gerrit Brüggemann, Anna Krasemann, Kirsten Potthoff, Andreas Spaniol, Claudia Sutter, Kai Benno Vos, Alexander Wilß.
Premiere am 11. Mai 2024
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.theater-paderborn.de

 

Kritikenrundschau

Eine "beeindruckend verstörende Premiere" sah Anja Ebner für die Neue Westfälische (13.5.2024). "Das Spiel mit Ausdrucksformen der Musik, dem Kanon der Wortwiederholungen und wechselnden Tempi nimmt ein und lässt die Neugier über die Verwirrung siegen. Die Leistung der Schauspieler ist als Kollektiv beeindruckend. Die wortgewaltigen verstiegenen Textpassagen pointiert und im Timing sicher darzustellen, lässt Kunst zur eigentlichen Macht des Abends werden."

Das Ensemble meistert die "Doppelbelastung aus viel Text und viel Bewegung" aus Sicht von Dietmar Kemper vom Westfälischen Volksblatt (14.5.2024) bravourös. "Einmal mehr zeigt sich, über wieviel schauspielerisches Potenzial das Theater Paderborn verfügt."

Kommentare  
Johann Holtrop, Paderborn: Dr. Seltsam lässt gröößen
Na, wenn das nicht auf den legendären Konferenztisch aus "Dr. Seltsam" anspielt. Fein zusammengedacht!!

https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Dr._Strangelove?uselang=de#/media/File:War_room_model_(8649771270).jpg

Wie Peter Sellers aus dem Rollstuhl aufsteht und "Mein Führer, ich kann gehen!" ruft, ist eine prima reibungsvolle Referenz auf Holtrop und das hinter ihm stehende Prinzip: Einig im Wahn. Während die menschengemachte Selbstzerstörung fortschreitet.
Kommentar schreiben