Jenseits von Eden

20. September 2025. Die spanische Stadt Guernica wurde 1937 bei einem deutsch-italienischen Luftangriff bombardiert. Picasso erschuf kurz danach sein gleichnamiges großformatiges Gemälde. Wie sich Kunst und Gewalt-Darstellung verhält, untersucht jetzt das Kollektiv FC Bergmann in einem besonderen Abend. 

Von Sascha Westphal

"Guernica Guernica" vom Theaterkollektiv FC Bergman bei der Ruhrtriennale © Caroline Seidel / Ruhrtriennale

20. September 2025. Die beiden Publikumstribünen stehen sich gegenüber. Zwischen ihnen befindet sich eine leicht erhöhte Spielfläche, auf der sich zu Beginn eine von zwei UN-blauen Tüchern verdeckte Installation erhebt. Darüber schweben wiederum riesige Bildschirme. Genau in der Mitte zwischen den überdeckten Hälften der Installation befindet sich ein schmaler, für das Publikum kaum einsehbarer Gang, den schließlich zwei nackte Männer mit Opfergaben betreten.

Was daraufhin passiert, sieht das Publikum durch die Linse einer senkrecht über dem Gang hängenden Kamera. Vielleicht aber auch durch das Auge Gottes. Dort, wo einer der beiden Männer, Abel, sein Opfertier ablegt, steigt wenig später Rauch auf. Dort, wo der andere, Kain, sein Bündel Stroh ablegt, passiert nichts. Der ausbleibende Rauch lässt ihn immer unruhiger werden, bis er schließlich zu einem Stein greift und Abel erschlägt.

Drohne über einer zerstörten Stadt

Mit dieser biblischen Szene beginnt "Guernica Guernica", die neueste weitgehend wortlose Arbeit des Theaterkollektivs FC Bergman. Sie lenkt den Blick sofort auf die Gewalt als einen zentralen Teil der menschlichen Natur. Ein Teil, der die Menschen nicht nur in der biblischen Erzählung auf ewig jenseits von Eden verortet. Während der Darsteller Abels auf offener Bühne angekleidet und geschminkt wird, werden die blauen Tücher entfernt, und es eröffnet sich der Blick auf ein in Grautönen und Schwarzschattierungen gehaltenes Tableau vivant des Todes und der Zerstörung.

FC Bergman hat die Statisten so angeordnet, dass es aussieht, als hätten sie die am 26. April 1937 auf Guernica abgeworfenen Bomben der deutschen Legion Condor durch die Luft geschleudert. Stilisierte Explosionen markieren die Zerstörung einer Stadt und schieren Terror eines Angriffs, der gezielt die Zivilbevölkerung der kleinen baskischen Stadt getroffen hat. Eine Drohne fliegt langsam über dieses Tableau. Ihre Bilder erscheinen oben auf den Monitoren und zeigen aufgerissene Münder, vor Entsetzen geweitete Augen und abgerissene Gliedmaßen. Nur ein auf der Erde liegendes Mädchen hat seine Augen geschlossen. Alle anderen haben das Grauen des Angriffs tief in ihre Züge eingeschrieben.

Tableau einer Zerstörung: Der erste Teil von "Guernice Guernica" bei der Ruhrtriennale © Caroline Seidelu

So verweist die Inszenierung erstmals ganz deutlich auf Pablo Picassos großformatiges Gemälde "Guernica", ohne es direkt nachzustellen. Picassos zeitlose Anklage trifft auf eine allein durch die Kostüme der Statisten konkretisierte Darstellung eines ungeheuerlichen Kriegsverbrechens, das eben auch ein Probelauf für viele weitere kriegerische Angriffe auf Zivilisten war. Und Abel ist immer eines der Opfer. Welches Paradies einige Menschen der Erde vielleicht auch zeitweise abringen, andere werden es immer wieder zerstören.

Rauschendes Geburtstagsfest

Das Tableau vivant ist der erste Teil des theatralen Triptychons "Guernica Guernica". Nachdem die Statisten aufgestanden sind und die Bühnenbildelemente bis auf einen schwarzen Stier abgeräumt worden sind, verwandelt sich der Laufsteg in den Ort einer großen Geburtstagsfeier. In einer ganz und gar fiktiven Szene zeigen FC Bergman mit den 80 Statisten, wie General Emilio Mola, der bis zu seinem Tod die nationalistischen Streitkräfte im Spanischen Bürgerkrieg geführt und den Angriff auf Guernica befohlen hat, seinen 50. Geburtstag feiert. Es ist ein rauschendes Fest mit einer Champagner-Pyramide, einer Stalin-Piñata und hochrangigen Gästen, zu denen auch Oberstleutnant Wolfram von Richthofen, der Befehlshaber der Legion Condor, und Leutnant Rudolf von Moreau, einer der von ihm befehligten Flieger, gehören. Moreau war es, der die erste Bombe auf Guernica hat fallen lassen.

Eine fast normale Geburtstagsfeier in "Guernica Guernica" © Caroline Seidel

Zwischen all den Gästen bewegt sich noch der Fotograf und Franco-Propagandist José Demaría Vázquez Campúa, der die Feierlichkeiten festhält und zugleich neues Propagandamaterial erschafft. Die Bilder, die er aufnimmt, erscheinen umgehend auf den großen Bildschirmen. Es sind Aufnahmen, wie sie auf fast jeder großen (Familien-)Feier entstehen könnten, mit dem einen Unterschied, dass wir hier genau wissen, wen wir hier betrachten, eine Gruppe von Tätern und Mördern, die weit mehr als nur eine Stadt und ihre Bevölkerung ausgelöscht haben.

Gewalt in den Genen

Unter den Feiernden ist auch ein noch recht junges Mädchen, wahrscheinlich eine Tochter Molas, das mit einem Spielzeug-Bomber zwischen den Gästen hin und her läuft und schließlich mit einem Mädchen mit Trisomie 21 unter die lange Tafel kriecht. Dort hält sie eine Kerzenflamme unter die Hand der anderen, vielleicht ihrer Schwester, und auch diesen Moment verewigt der Fotograf. Dieser Augenblick kindlicher Grausamkeit ist fast noch verstörender als alle andere in dieser Arbeit. Wieder sind wir bei der Natur oder auch dem Wesen der Menschen. Gewalt und mit ihr Krieg und Faschismus scheinen fest in unserer Erbmasse verankert zu sein. Jenseits von Eden für immer.

Auf die fiktive Feier, die in Wahrheit nicht stattfinden konnte, weil Mola kurz vor seinem 50. Geburtstag am 9. Juli 1937 verstorben ist, und die doch eine tiefere Wahrheit zum Ausdruck bringt, folgt eine letzte, den Bogen von 1937 in unsere Gegenwart spannende Szene. Auf der rechten Seite der Spielfläche steht eine riesige, in einen Rahmen gespannte Leinwand aus einer transparenten Folie. Auf ihr wird einer der Spieler als Picasso Details aus dem "Guernica"-Gemälde in Weiß nachmalen.

Kunst und Verfremdungseffekt 

Das entstehende Gemälde bewegt sich dabei langsam von rechts nach links, während immer mehr Statisten kommen, die das heute im Museo Reina Sofia in Madrid ausgestellte Gemälde betrachten. So erlebt das Publikum den ausschließlich von Zeitungsberichten inspirierten Schöpfungsakt mit und sieht zugleich, wie es heute rezipiert wird, wie wahre Besucherströme es betrachten und dabei Selfies von sich und ihren Freunden machen.

Was bedeutet die Betrachtung der Bilder? Das Publikum wird mit Fragen in die Wirklichkeit entlassen. © Caroline Seidel

Schon diese Beschreibungen der drei Teile zeigen, wie offen alles in "Guernica Guernica" daliegt. Stef Aerts, Joé Agemans, Thomas Verstraeten und Marie Vinck, die vier Protagonisten des Kollektivs FC Bergman, haben drei unglaublich kunstvolle Szenen geschaffen, die einen mal mit tiefer Trauer, mal mit blankem Horror und mal mit einer leicht amüsierten Verwunderung zurücklassen. Aber zugleich verhindern sie jede Form von Identifikation und Überwältigung. Das Publikum ist sich in jedem Augenblick der Inszenierung bewusst, dass hier Bilder gemacht werden, und erlebt mit, wie sie gemacht werden.

Konfrontation mit der Normalität

Das lenkt den Blick auf die Rollen der rund 80 Statisten, die je nach Szene Opfer, Täter und Publikum sind. Zwischen diesen drei Positionen gibt es keine klare Grenze. Sie fließen quasi ineinander. Damit gerät die Kunst im Allgemeinen und diese Inszenierung im Besonderen in einen Zwiespalt oder zumindest in eine Grauzone. Wie lässt sich Krieg darstellen? Und was bewirken wiederum diese Versuche einer Darstellung?

Auf die erste Frage findet FC Bergman mit dieser gebrochenen, im Brecht'schen Sinne verfremdeten Arbeit eine bemerkenswerte Antwort. Denn gerade die Geburtstagsfeier der Täter im Mittelteil konfrontiert das Publikum mit der Normalität von Gewalt und Krieg und führt es damit in das Herz der (eigenen) Finsternis. Mit der zweiten Frage entlässt uns die Inszenierung zurück in die Wirklichkeit. Für sie muss man selbst eine Antwort finden.

Guernica Guernica
von und mit FC Bergman (Stef Aerts, Joé Agemans, Thomas Verstraeten, Marie Vinck)
Uraufführung
Regie: FC Bergman, Dramaturgie: Koen Tachelet, Kostümbild: An D'Huys, Lichtdesign: Bart Van Merode, Sounddesign: Maarten Van Cauwenberghe.
Mit: Stef Aerts, Joé Agemans, Thomas Verstraeten, Marie Vinck, plus 80 Statisten,
Premiere am 19. September 2025
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

Eine Produktion von FC Bergman und Toneelhuis in Koproduktion mit der Ruhrtriennale, Les Théâtres de la Ville de Luxembourg

www.ruhrtriennale.de/de

Kritikenrundschau 

Eine "grandiose wortlose Inszenierung", die man zu den Höhepunkten der Ruhrtriennale in diesem Jahr zählen darf, sah Lothar Schröder in der Rheinischen Post (22.9.2025). Es gehe ums "Zuschauen, um die Wahrnehmung von Gewalt, Krieg und Zerstörung – und um die Zuschauenden als scheinbar Unbeteiligte an Leid und Tod". Der offene Umbau ist Teil der Inszenierung, "alles Dargestellte ist nur eine Illusion. "Immer wieder wird uns an diesem Abend klar gemacht, dass alles, auch wenn es noch so täuschend echt dargestellt wird, Abbild ist." Fazit: "Selten wurde ohne ein einziges Wort so beklemmend vom Krieg erzählt."

"Auf Pablo Picassos weltberühmtem Gemälde, der Kunst gewordenen Ikone gegen Krieg und Faschismus, fußt die letzte Premiere der Ruhrtriennale in dieser Spielzeit – und sie ist großartig geworden", so Sven Westernströer in der WAZ (22.9.2025). "Dabei gehen die Theatermacher erstaunlich konventionell zu Werke", die Geschichte hinter dem Meisterwerk werde in aller Seelenruhe aufgeblättert. Fazit: "Ein ruhiges, bestens gearbeitetes Stück über eines der wichtigsten Werke der Moderne. Riesiger Jubel."

Der Doppeltitel "Guernica Guernica" weise darauf hin, dass zwei Themen in den Blick kommen: "Der Angriff der Franco-Faschisten und der deutschen Legion Condor auf die spanische Stadt und seine Reflexion in einem Kunstwerk", schreibt Harald Suerland in den Ruhr Nachrichten (22.9.2025). Die Wucht des ersten Bilds werde zunächst durch den Einsatz einer Kameradrohne verschärft, "der Effekt erschöpft sich allerdings schnell". Fazit: "Die Kritik am flachen Voyeurismus vor dem dargestellten Schrecken wird dem anfänglichen Ernst nicht gerecht; der aufwendig gemachte Abend offenbart in 80 Minuten spürbare Längen."

Die Gruppe FC Bergman zeige, dass unser Mitgefühl im Bilder-Overkill abstumpfe, schreibt Dorothea Marcus in der taz (23.9.2025). "Konzeptuell ist das spannend und extrem beeindruckend. Schade ist nur, dass auch FC Bergman nicht beantworten, wie wir in Zeiten mit KI damit umgehen sollen."

Kommentare  
Guernica, Ruhrtriennale: Lust am Bild
Leider war echte Trauer oder Horror nie wirklich zu spüren, es war vieles zu ‚platt‘, zu direkt, zu lang, zu sehr Bild und Lust am Bild. Erst die letzte Szene hat wirklich Tiefgang, das Übermalen des Guernica-Bildes macht UNS allen bewusst, wie der Schrecken und die Erinnerung der Geschichte versinken. Museal werden. Triennal werden.
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