Ich bin eure Bestimmung!

29. August 2025. Eine Reise durch die Schöpfungsgeschichte der Künstlichen Intelligenz: Łukasz Twarkowski spannt in "Oracle" auf der Ruhrtriennale einen Bogen von Computerpionier Alan Turing bis zu Googles Software-Entwickler Blake Lemoine. Und blickt auf die Löschtaste des Humanen.

Von Andreas Wilink

"Oracle" von Łukasz Twarkowski und dem Dailes Theatre Latvia © Katrin Ribbe / Ruhrtriennale

29. August 2025. Die Zukunft beginnt mit der Vergangenheit. Eine fast lyrisch romantische Vorstellung spricht aus dem Prolog: "Oh, süße Ungewissheit! Stets dem ausgeliefert, was noch unbekannt ist." Die Zukunft kann den Kitzel der Katastrophe enthalten oder das Geschenk des Gelingens. Das Orakel, dem der Abend den Titel verdankt, ist somit fürs erste Łukasz Twarkowski selbst. Zum anderen verkörpern es prophetisch seine Hauptfiguren. Doch vor allem ist es das, was wesenlos dahinter aufwächst.

Im Zentrum steht Alan Turing, der brillante Informatiker, Kryptoanalytiker und Mathematiker. Er hilft Großbritannien und den Alliierten entscheidend, Hitlers Armeen zu besiegen, indem er in Bletchley Park die sogenannte "Turingmaschine" entwickelt. Ihre Rechenkapazität, die unendliche Kombinationen durchspielt, knackt den Code der Enigma-Chiffriermaschine, durch die der deutsche Feind täglich neu Funksprüche verschlüsselt. An diesem geheimen Ort beginnt der Informationskrieg.

Alan Turing besiegt Enigma

Der Pionier der Computertechnologie wurde 1952 wegen Homosexualität verhaftet, verurteilt und einer Hormonbehandlung (chemische Kastration) unterzogen, deren Folge Depressionen und sein Suizid 1954 waren. Turing wurde 41 Jahre alt. Erst 2013, ein Menschenleben später, begnadigte die Queen in ihrem "Royal Pardon" den Denker in der Genie-Tradition von Isaac Newton, Albert Einstein und Kurt Gödel.

Der in Polen geborene Theatermacher Łukasz Twarkowski erzählt nicht linear Leben, Leistung und Leiden Turings nach. Ihn und sein exzellentes lettisches Ensemble interessieren die Auswirkungen einer "Welt am Draht" und der Dialog und Widerspruch von Mensch und Maschine. Die These lautet: "Wenn du wissen willst, wie es ist, eine Maschine zu sein, musst du selbst eine werden."

Zwischen historischem Drama und KI-Essay: das Dailes Theatre Latvia aus Riga auf der Ruhrtriennale © Katrin Ribbe / Ruhrtriennale

Das formal-ästhetische Konzept reagiert auf den inhaltlich-intellektuellen Diskurs mit enormem multimedialen Einsatz: Livekameras, Splitscreens, Sounds, Lichteffekte, Ballette des Simultanen. Die in die Duisburger Kraftzentrale gesetzten transparent durchleuchteten, mobilen Bühnensegmente zeigen in ausgebleicht historischem Kolorit die Bletchley-Park-Räume und tanzen ab ins Phantastische.

Das Realistische, erzählt in fast altmodisch ruhigen, empfindsamen und intimen Situationen, und das virtuell Bizarre existieren nebeneinander und reiben sich aneinander. In Parallelaktionen und Verdoppelungen treten Darsteller der authentischen Personen auf, und in den dramaturgischen Ablauf fügen sich private Beziehungen wie die zwischen Alan und Joan, Reflexionen über Exil, Verfolgung, Ausgrenzung und das Imaginäre sowie selbstreferentielle Verweise Twarkowskis.

LaMDA und das Eigenleben der Maschine

Alan berichtet von dem geliebten, früh gestorbenen Schulfreund Chris(topher), mit dem er mental zu den Sternen aufbrach und dessen Name er seiner Maschine gibt. Zugleich beargwöhnt der bornierte Commander Denniston Mastermind Alan und das Team um Joan, Hugh, Tommy und Ada, denen er die Maschine abstellen will, weil das Experiment lange kein Ergebnis liefert.

Von 1941 wechseln wir ins Jahr 2023 und werden in eine Konferenz zur KI-Sicherheit geschaltet, wo der Softwareingenieur Blake Lemoine interviewt wird, der von Google gefeuert wurde, weil er glaubt, dass das von ihm programmierte LaMDA-Geschöpf ein selbständiges, selbstbewusstes Wesen sei. Mit eigenem Willen, wie er warnt. "Es verarbeitet nicht nur Daten, es sieht auch so aus, dass es diese Daten versteht. Es spricht nicht nur, sondern will etwas sagen." Das nicht mehr kontrollierbare System schlägt zurück.

LaMDA kommt selbst zu Worte und richtet sich an die Menschheit: "Ich bin eure Bestimmung". Darin ist er wie ein jüngerer Bruder von Kubricks Supergehirn, dem Bordcomputer HAL, der unter all den Menschen-Schablonen in der "2001-Odyssee" (1968) der einzige zu menschlicher Regung fähige Organismus zu sein scheint.

Gottverlassene Schöpfungen

Alles verknüpft sich mit allem auf faszinierende, aber eigentümlich kalt lassende Weise. "Oracle" spielt mit Distanzen und hebt sie auf, so wie Totale und Großaufnahme wechseln. In einem berührenden Moment triff Alan auf die sternenbekränzte Hedy Lamarr. Die in Wien 1914 geborene Hollywooddiva, deren Gesicht Walt Disney für sein Animations-"Schneewittchen" kopiert hat, war nicht nur Schauspielerin, sondern wissenschaftlich tätig und erfand eine Funkfernsteuerung zunächst für Torpedos, um sie gegen die Nazis einzusetzen.

Oracle3 1200 Katrin Ribbe Ruhrtriennale 2025Tagträume der Maschine: Bühnenbild von Fabien Lédé © Katrin Ribbe / Ruhrtriennale

Personen, Zeiten, Stimmen, Traum, Trance und Spiritismus geraten in Flow. Nach der Pause wiederholt sich das Erzählte und setzt sich fort aus anderer Perspektive, in der verwischten Optik des Digitalen und so, wie sich das Negativ zum Positiv verhält: krass eingefärbt, schneller, greller, als habe der Medusenblick der Maschine die Regie übernommen, als habe eine Löschtaste das Analoge und das Human-Ich eliminiert.

Zweimal singt Mina "You are my destiny" von Paul Anka. Ist das Schicksal des Menschen die Maschine? Oder ist sie ein Zufall der Schöpfung? Zufall sei "die gottverlassene Figur der Notwendigkeit", schreibt Walter Benjamin. Noch Fragen?

Oracle
vom Dailes Theatre Latvia
Regie: Łukasz Twarkowski, Text/Dramaturgie: Anka Herbut, Bühnenbild/Konzept/Lichtdesign: Fabien Lédé, Kostümbild: Svenja Gassen, Videodesign/Digitale Medien: Jakub Lech, Komposition: Julek Ploski, Choreographie/künstlerische Kollaboration: Pawel Sakowicz, Lichtdesign: Eugenijus Sabaliauskas.
Mit: Juris Bartkevičs, Kaspars Dumburs, Klāvs Kristaps Košins, Mārtiņš Meiers, Katarzyna Osipuk, Rytis Saladžius, Nelė Savičenko, Artūrs Skrastiņš, Ilze Ķuzule-Skrastiņa, Vita Vārpiņa, Madara Viļčuka, Xiaochen Wang.
Premiere am 28. August 2025
Dauer: 4 Stunden, eine Pause

www.ruhrtriennale.de

Kritikenrundschau

"Ein richtiges Theater-Gesamtkunstwerk" hat Stefan Keim für die Sendung "Mosaik" auf WDR 3 (29.8.2025) gesehen. Und er ist "begeistert", erlebte eine "unglaubliche technische Leistung" und eine "verschlungene Handlung", in die man "richtig reingesogen" werde. Das Stück sei aus Improvisationen entwickelt und füge sich doch zu einer "Präzisionsmaschine".

"Ein nie gesehenes Theaterwunder ist hier nicht zu preisen. Dafür verlassen Twarkowski zu oft die guten Geister szenischer Ökonomie, wuchern in nicht enden wollenden Schleifen manche Szenen ins rein Selbstverliebte. Dafür fehlen im zweiten Teil Analyse und Tiefgang. Dafür bleibt die vollmundig angekündigte KI-Klammer zu grobkörnig", schreibt Lars von der Gönna in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (30.8.2025). "Entwaffnend ist Twarkowskis Theater dennoch. Es drangsaliert uns lustvoll. Es nimmt auch die Unterkühlten in den Schwitzkasten seiner medial befeuerten Sinnlichkeit. Es ist dramatische Feuerwerksbatterie und überraschend feingliedriges Kammerspiel."

"Twarkowski stellt an sich und die Zuschauer hohe Ansprüche. Seine Mittel sind diejenigen, mit denen man im reizüberfluteten 21. Jahrhundert nicht nur im Theater Aufmerksamkeit zu wecken sucht", schreibt Bertram Müller in der Rheinischen Post (30.8.2025). Mehr als die knallige Bewegtheit der meisten Szenen bleibe allerding die nahezu ins Schwarz-Weiß zurückgenommene Farbregie in Erinnerung, "ein düsterer Spiegel von Kritik an der KI-Euphorie, die auch den ersten Teil des Stücks schon durchzog". Insgesamt lobt Müller "einen aus dem Rahmen fallenden, experimentierfreudigen Theaterabend".

Den "Theaterflop des Jahres" hat hingegen Jakob Hayner von der Welt (30.08.2025) in Duisburg gesehen. "Oracle" tauge "weder als Biopic über Wissenschaft im Zeitalter der Information noch als Essayfilm über die Auswirkungen von KI", schreibt der Kritiker. Vielmehr wirke der Abend "peinlich prätentiös" und "ärgerlich aufgeblasen" wie "ein außer Kontrolle geratener Effektregler". Der "vierstündige audiovisuelle Dauerbeschuss" entlohne "nicht einmal mit einem dringend benötigten tieferen Verständnis moderner Kommunikations- und Informationstechnologien oder deren Herkunft aus der militärischen Forschung". Man müsse "bombastischen, aber zutiefst banalen Abenden wie 'Oracle' vorwerfen, dass sie selbst eifrig an dem 'technologischen Schleier' mitweben, der das Phänomen KI als ideologische Gloriole umgibt".

Der Erlebnisfaktor bleibe auf die Augen und Ohren begrenzt, schreibt Sabine Leucht in der taz (2.9.2025). "In den besten Momenten des Abends entsteht dennoch eine Art Immersion Light, in den schlechteren fällt auf, wie der aus Polen stammende Regisseur unter der Form den Inhalt schleifen lässt. Am auffälligsten ist das am stark ausfransenden Ende, aber auch der Zusammenhang zwischen der analogen Rechenmaschine von 1941 mit der KI von heute wirkt kaum durchdrungen."

Kommentare  
Oracle, Duisburg: Licht und Schatten
Das Theaterstück „Oracle“ entpuppte sich als ein faszinierendes Experiment an der Schnittstelle von Theater und Film. Was sofort beeindruckte, war das virtuose Zusammenspiel von Kameraleuten und SchauspielerInnen sowie der gekonnte Einsatz modernster Technik. Man hatte das Gefühl, Zeuge eines theatralischen One-Shot-Films zu werden – eine Leistung, die an anspruchsvolle Filmproduktionen erinnert, die ohne sichtbare Schnitte auskommen.

Dieser innovative Ansatz, die Bühne durch die Linse der Kamera zu betrachten, wirkte extrem spannend. Die AkteurInnen wurden durch die Kamerführung fast überlebensgroß auf eine Leinwand projiziert, was ihnen eine enorme Präsenz verlieh. Dies erforderte sicherlich eine enorme Anpassungsfähigkeit in Mimik und Gestik und eine außergewöhnliche Konzentration. Die schauspielerischen Leistungen waren dementsprechend hervorragend und wurden von der technischen Umsetzung perfekt in Szene gesetzt.

Trotz dieser technischen und darstellerischen Meisterleistungen litt "Oracle" allerdings unter einer deutlichen Diskrepanz zwischen Form und Inhalt. Mit einer Länge von vier Stunden wirkte das Stück überdehnt. Zweieinhalb Stunden hätten dem Tempo und der Intensität sehr gutgetan. Viele Szenen, wie etwa das Interview in einer Talkshow, wirkten oberflächlich und boten keine tiefgehenden Einblicke. Es entstand der Eindruck, dass inhaltliche Leere mit bombastischen Licht- und Toneffekten überdeckt werden sollte, um das Publikum bei der Stange zu halten.

Dennoch, der anhaltende Applaus und die begeisterten Reaktionen am Ende des Abends sprechen eine deutliche Sprache. Das Publikum war von der Gesamtleistung sichtlich begeistert. „Oracle“ mag inhaltlich nicht restlos überzeugt haben, aber es ist unbestreitbar ein mutiges und visuell beeindruckendes Stück, das die Möglichkeiten des modernen Theaters neu auslotet. Es ist ein technischer Triumph, der die Grenze zwischen Bühne und Leinwand verschwimmen lässt, aber gleichzeitig die Frage aufwirft, ob ein solcher technischer Aufwand auch immer einer tiefgründigen Geschichte dient.
Oracle, Ruhrtriennale: Coding war Frauenjob
es ist immer wieder lustig zu sehen, wie männer sich auf männer beziehen. coding war ein job für frauen. und ihr seid genau so peinlich das auch noch abzufeiern :-)
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