Tod eines Handlungsreisenden - Deutsch-Sorbisches Volkstheater Bautzen
Darf ich dir ein Aspirin reichen, Schatz?
8. März 2025. In Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden" wird für Willy Loman und seine Familie der amerikanische Traum zum Alptraum. Das Stück der Stunde, oder?
Von Vincent Koch
Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden" am Bautzner Theater © Roman Koryzna
8. März 2025. Klobig, grau und brachial sind die Betonklötze, die da auf der Bühne stehen. Ein paar schweben auch vom Bühnenhimmel. Einer hat die Form eines riesigen Kreuzes. Sie umzäunen die Bühne und erwecken den Eindruck einer Betonwüste – alles kantig und grob. Nur in der Mitte hat Ausstatterin Andrea Eisensee eine kleine Wohninsel eingelassen: mehrere Podeste mit Betten, Stühlen, einem Küchentisch samt Kühlschrank. Man muss sich bücken, um etwas aus ihm zu holen. Aber die Betonklötzer scheinen sich immer wieder in den Vordergrund zu drängen – als würden sie jegliches Leben dazwischen ersticken. So muss es sich anfühlen für die Familie Loman, die im Zentrum von Arthur Millers Drama "Tod eines Handlungsreisenden" steht.
Der falsche Traum
"Paps" Willy Loman hat 40 Jahre hart geschuftet, um seine Familie zu ernähren und die Hypothek des Hauses abzubezahlen. Doch es reicht hinten und vorne nicht. Als er dann noch seinen Job verliert, gerät alles in Wanken: seine Ehe mit Linda, die Beziehung zu seinen Söhnen Biff und Happy, die wenigen Freundschaften, die er pflegte. Immer wieder verliert sich Willy in Halluzinationen und spricht mit seinem längst verstorbenen Bruder. Damals, als er noch daran glaubte, erfolgreich zu werden. Aber die Zeiten haben sich geändert, und der "American Dream" entpuppte sich als der falsche Traum. Bis Loman als einzigen Ausweg nur den Suizid sieht, damit die Familie von der Lebensversicherung weiterleben kann.
Ein ernstes Wörtchen: Die Lomans (Gabriele Rothmann, Lutz Hillmann, Janik Marder, Niklas Krajewski) im Family-Talk © Roman Koryzna
Es liegt auf der Hand, warum "Tod eines Handlungsreisenden" dieser Tage vermehrt auf den Spielplänen landet: Im Trump-Amerika dieser Tage scheint der soziale Aufstieg noch weniger möglich als 1949, als das Stück erschien. Von der Zeitlosigkeit des Textes ist in Herbert Olschoks Bautzner Inszenierung allerdings wenig zu spüren. Er inszeniert den Text eins zu eins vom Blatt. Das kann man ihm erstmal nicht zum Vorwurf machen. Allerdings muss schon irgendetwas auf der Bühne passieren, damit drei Stunden und zehn Minuten Theater einen abholen. Dieser Abend fühlt sich irgendwann jedoch an wie eine nicht enden wollende Schulstunde am Freitagnachmittag.
Seniler Jammerlappen
So sitzen die vier Familienmitglieder im ersten Teil des Stücks vor allem am Küchentisch und reden ein ernstes Wörtchen miteinander. Da hätten wir zunächst Willy Loman, den Lutz Hillmann, also der Intendant des Lausitzer Theaters höchstselbst, als einen senilen Jammerlappen anlegt. Der immer noch denkt, dass der Goldesel irgendwann vor der Tür stehen wird ("Ich bin keine Drei-Groschen-Existenz. Ich bin Willy Loman"). Mehrmals während der Konversation holt er eine Flasche Milch, nur um sie zwei Sätze später wieder im Kühlschrank zu verstauen.
Seine Ehefrau Linda ist bei Gabriele Rothmann eine unterwürfige, empathische Hausfrau, die ihren Mann liebt, auch wenn er sie dauernd unterbuttert. "Soll ich dir ein Aspirin holen", fragt sie liebevoll, wenn der Mann mal wieder halluziniert. Im grünen Wir-springen-in-die-Vergangenheit-Licht taucht dann Willys verstorbener Bruder Ben auf, der durch Zufall wohlhabend wurde und Willy ein Vorbild war. Klar: Willys beigefarbener Anzug schreit geradezu nach Tristesse, aber ein bisschen dynamischer hätte man diese Familiensituation schon gestalten können. Das können auch die Streicher- und Klaviermelodien nicht mehr retten.
Vater und Söhne: Lutz Hillmann (Mitte) mit Janik Marder und Niklas Krajewski © Roman Koryzna
Nach der Pause kommt der Abend endlich ein bisschen aus dem Knick. Insbesondere Janik Marder und Niklas Krajewski als Happy und Biff machen ihre Sache gut. Biff war einst erfolgreicher Football-Spieler, bis er durch eine Prüfung rasselte. Seit er den Vater mit seiner Affäre erwischt hat, ist sein Verhältnis zu ihm gestört. Das beschäftigt auch die beiden Brüder, die durchaus narzisstische Anteile ihres Vaters übernommen haben. Während der eine Ambitionen hat, die Familie noch aus dem Schlamassel zu ziehen, lebt der andere ein sexuelles Lotterleben, weil ihm langweilig ist.
Dass die besagten "Frauen, die man umlegt wie Bowlingkugeln", dann auch noch für fünf Minuten Bühnenzeit auftauchen müssen, zementiert antiquierteste Weiblichkeitsklischees. Und nicht nur da hätte man den – zugegebenermaßen auch etwas undankbaren – Text getrost raffen können. Irgendwann jagt eine unzufriedene Tirade des Vaters die nächste. Außerdem wirkt all das Gerede über "gemachte Männer" und Unternehmensvertreter im Außendienst doch einigermaßen überholt.
Reibungsfrei auf der Meta-Ebene
Die Bautzner Inszenierung von "Tod eines Handlungsreisenden" ist schlichtweg zu brav, um irgendetwas Heutiges zu erzählen. Warum lässt man diesen Abend 2025 auch auf der Meta-Ebene so ohne Reibung abschnurren? Als Parabel auf die Menschlichkeit, die über jedes Materielle erhaben ist, sollte er doch wenigstens emotional etwas mit einem machen. Sind es die wenig ambivalenten Figuren, die einen selten berühren? Die zahlreichen Binsenweisheiten? Ist es schlicht die Langatmigkeit des Textes? Ein bisschen mutiger könnte dieser zumeist zähe Abend schon an die Gegenwart andocken. Da reicht ein Blick nach Amerika, wo der Präsident und sein bester Freund Elon Musk gerade dem Begriff des amerikanischen Traums zu einer gefährlichen Renaissance verhelfen.
Tod eines Handlungsreisenden
von Arthur Miller
Regie: Herbert Olschok, Ausstattung: Andrea Eisensee, Dramaturgie: Eveline Günther.
Mit: Lutz Hillmann, Gabriele Rothmann, Niklas Krajewski, Janik Marder, Marian Bulang, Katja Reimann, Erik Dolata, Alexander Höchst, Thomas Ziesch, Katharina Krüger, Bernadett Schneider.
Premiere am 7. März 2025
Dauer: 3 Stunden 10 Minuten
www.theater-bautzen.de
Kritikenrundschau
Regisseur Herbert Olschok verbinde die zwei Stränge der Aufführung "psychologisch effektvoll miteinander. Rückblenden und Traumsequenzen erinnern an bessere Zeiten", schreibt Rainer Kasselt in der Sächsischen Zeitung (10.3.2025). Erzählt werde das Drama einer Familie zwischen Illusion und Wirklichkeit. "Intendant Lutz Hillmann beeindruckt in der Titelrolle mit dem ständigen Umschwung der Gefühle und Gedanken." Sein Willy Loman ist verunsichert wie verzweifelt, wütend wie weinerlich. Die äußere Ähnlichkeit mit Erich Honecker und dessen Scheitern will einem dabei nicht aus dem Kopf.
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(Anm. Redaktion. Eine Volte ad personam wurde aus dieser Kritik entfernt.)