Wirf die Gläser an die Wand

30. November 2024. Ohne Russlandbezug lässt sich Tschechows Klassiker über eine veränderungsunwillige, von Sehnsucht gebeutelte Oberschicht derzeit nicht inszenieren. Das weiß auch Adewale Teodros Adebisi, der den 120 Jahre alten Text zur Oligarchen-Parabel pimpt. Und dabei manche Text-Bild-Schere öffnet.

Von Marlene Drexler

Tschechows "Drei Schwestern" in der Regie von Adewale Teodros Adebisi am Nationaltheater Weimar © Candy Welz

30. November 2024. Und wie machen sie es hier mit den Russlandbezügen? Da kann man bei Anton Tschechows "Drei Schwestern" heutzutage durchaus neugierig sein! Anne Lenk am Thalia in Hamburg hatte dem Stück in ihrer Inszenierung ja gleich alles entrissen, was auch nur an Russland erinnern könnte.

Für gewöhnlich war es immer der Ausruf: "Nach Moskau, nach Moskau!", der von dem Abend noch lange in den Ohren nachhallte. In Sehnsucht getränkte Worte und eine archaische Metapher für das Überkommen selbst gestellter Zwänge und das Erreichen eines gelungenen Lebens. Nur: Seit dem 24. Februar 2022 erklingt bei dieser Verknüpfung von Moskau und Hoffnung doch ein wenig Dissonanz.

Abgesang auf die Dekadenz

Um das Geheimnis zu lüften: In Weimar hat sich Regisseur Adewale Teodros Adebisi für einen offensiven Umgang entschieden. Und schon in den ersten fünf Minuten ist das Wort Moskau durch das Einspielen des gleichnamigen Songs der Gruppe Dschinghis Khan ("Moskau, Moskau/ Wirf die Gläser an die Wand/ Russland ist ein schönes Land...") dermaßen eingehämmert, dass man auf die Parole, die etwas später kommt, schon sehr eingestimmt ist. Das ein oder andere Russland-Klischee ist dann auch erlaubt. Beispiel: Auch wer hier Tee bestellt, bekommt selbstverständlich Hochprozentigen serviert.

Aber zunächst zum Grundsätzlichen: Die drei Schwestern Olga, Mascha, Irina und ihr Bruder Andrej stammen aus einer reichen Familie des Bildungsbürgertums. Aufgrund einer Anstellung des Vaters müssen sie ihr Dasein allerdings in einer Kleinstadt in der Provinz fristen – vor allem für die jungen Frauen ist das: gefühlt die pure Hölle. Die Handlung beginnt mit Aufbruchsstimmung, denn der Vater ist gestorben. Können sie sich nun endlich von dem als fremdbestimmt empfundenen Leben befreien? Irgendwie weiß keine*r der vier reichen Sprösslinge, wie dieses sperrige Etwas, das sich Freiheit nennt, anzupacken ist.

Drei Schwestern 2 CCandy Welz uSeufzen auf hohem Niveau: Johanna Geißler (Olga) und Dascha Trautwein (Mascha) mit Ensemble © Candy Welz

Anstelle eigener Gestaltungskraft greift ein pathetisches Herumgeseufze um sich (das meiste hat mit Liebe und gescheiterter Liebe zu tun), wobei immer genauso griffbereit wie die Wodkaflasche eine gute Portion Selbstmitleid parat steht. Tschechow hat mit seinem Werk, das schon zu seinen Lebzeiten erfolgreich war und das er selbst keinesfalls als Tragödie, sondern Komödie verstanden wissen wollte, vor allem einen Abgesang auf die Dekadenz geschrieben.

Fliegender Wechsel im Seelenstriptease

Regisseur Adebisi (für den es nach "Othello" die bisher zweite Arbeit in Weimar ist) setzt die Figuren in ein Setting, das neureich und geradezu prollig wirkt. Die Bühne mit ihren flachen, ausladenden Stufen, darauf drapiert dunkle, samtene Kissen, bietet gemütlichen Lounge-Charakter, Stilrichtung Shishabar-Chic. Die ständig wechselnden Dialogpartner treten von unterschiedlichen Richtungen der Bühne auf: Es ist ein fliegender Wechsel im Seelenstriptease. Ein riesiger Wandteppich dient als Fläche für verschiedene bildliche Projektionen.

Nach etwa der Hälfte des Abends taucht dort unvermittelt ein wüstes Bild auf: Chaos, Schutt, zerstörte Autos, ein Kinderwagen liegt kopfüber im Dreck. Es entsteht die Assoziation mit realen Kriegsaufnahmen dieser Tage und weckt plötzlich den Eindruck: Wir blicken in die gegenwärtige russische Gesellschaft und sehen genau jene privilegierten Schichten, die dem Krieg gegenüber gleichgültig sein können. Weil er sie nicht berührt, weil ihre Söhne nicht an die Front müssen. Eine spannende Analogie, die aber nach dieser kurzen, losen Sequenz nicht weiter aufgegriffen wird.

Wut-Rap ohne Widerhall

Und auch sonst wirken viele Regieideen isoliert und aufgesetzt. Problematisch wird das vor allem in Kombination mit fehlender Stringenz in der Figurenführung. Auch wenn der Text es erklärt, ist beispielsweise emotional nicht zu begreifen, warum Andrej, der Bruder (Janus Torp), und seine Frau Natascha (Raika Nicolai), die zu Beginn die einzig glücklichen sind, plötzlich in eine nicht mehr zu kittende Beziehungskrise abrutschen. Weil sich die ersten Momenten der Entfremdung nicht aufspüren lassen, bleibt auch der brachiale Wut-Rap, den Natascha auf französisch im dramatisch ausgestellten roten Kleid und mit viel Kunstnebel zum Besten gibt, ohne Widerhall.

Drei Schwestern 1 CCandy Welz uSorglose Posse: Raika Nicolai (Natalja), Dascha Trautwein (Mascha), Johanna Geißler (Olga), Katharina Hackhausen (Irina), Nahuel Häfliger (Werschinin) v.l.n.r. © Candy Welz

Gleiches gilt für die Beziehung zwischen Irina und dem Baron Tusenbach, der unsterblich in sie verliebt ist. Am Ende heiratet sie ihn doch. Wobei sie ihm dabei nichts vormacht und einräumt: "Ich werde dir eine treue Frau sein, aber lieben kann ich dich nicht." Nur, um ihn dann auf liebevolle, ja fast schon lustvoll begehrende Art und Weise mit Küssen zu überhäufen. Eine Text-Bild-Schere, die sich auch nicht im Subtext erklären lässt.

Heitere Momente

Alle drei Schwestern sind mit Schauspielerinnen besetzt, die – und das kann man sagen, ohne ihnen zu nahe zu treten – in Wirklichkeit deutlich älter sind, als es die Vorlage vorgibt. Warum diese Frauen, die Probleme, die sie haben, dann statt mit 20 oder 30 mit 40 oder 50 Jahren haben sollen, ist auch nicht wirklich nachvollziehbar.

Unabhängig davon gelingen Dascha Trautwein in ihrer Darstellung der Mascha immer erfrischende Überraschungsmomente: Wenn sie zum Beispiel ihren Mann, der mal wieder monologisiert, mit absichtlich von Pralinen ganz braun verschmierten Zähnen kurz wie eine Horrorfigur angrinst. Auch Marcus Horn als Baron Tusenbach und Christian Bayer als Maschas selbstbezogener Ehemann Fjodor sorgen immer mal wieder für heitere Momente.

Letztlich fehlt dem Abend aber die Qualität einen Sog zu entwickeln, der Szenen spannungsvoll miteinander verschränken kann. Insofern ist es nur verständlich, dass die zwei Stunden ohne Pause durchgespielt werden. Wäre der Vorhang einmal unten, wäre die Luft danach erst recht raus.

Die drei Schwestern
Von Anton Tschechow, Deutsch von Thomas Brasch
Regie: Adewale Teodros Adebisi, Dramaturgie: Eva Bormann, Bühne & Kostüme: Philip Rubner/Alexander Grüner, Musik: Stella Goritzki.
Mit: Janus Torp, Raika Nicolai, Johanna Geißler, Dascha Trautwein, Katharina Hackhausen, Christian Bayer, Nahuel Häfliger, Marcus Horn, Philipp Otto, Statisterie des DNT.
Premiere am 29. November 2024
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.nationaltheater-weimar.de

Kritikenrundschau

"Was bleibt? Tschechows Botschaft über die Jahrhunderte: Wir sind Lachen und Weinen", schreibt Alexandra Abel in der Thüringer Allgemeinen (1,12.2024). Die Inszenierung von Adewale Teodros Adebisi habe das perfekt herausgearbeitet und dank exzellenter Schauspieler sehr berührend umgesetzt. "Adebisi gelingt es, jeder Figur Profil zu geben. Dafür hat er die Vorlage teilweise umstrukturiert und etwa die im Original wiederkehrenden philosophischen Diskurse zu konzentrierten Rededuellen verdichtet. Behutsam hat er mit Dramaturgin Eva Bormann den Text entstaubt. Das ermöglicht es etwa Christian Bayer, Maschas Mann als soften Lehrer zu interpretieren, hinter dessen skurriler Geschwätzigkeit doch Unsicherheit durchscheint. Jeder Darsteller ist so gleichermaßen eine komplexe Persönlichkeit, voller Schwächen, nie verurteilend."

Kommentare  
Drei Schwestern, Weimar: Verzweifelt sehnsüchtig
"Ohne Russlandbezug lässt sich Tschechows Klassiker über eine veränderungsunwillige, von Sehnsucht gebeutelte Oberschicht derzeit nicht inszenieren."
Was soll denn das heißen? War das bisher möglich? Und wenn ja, wenn es also bisher keine Rolle gespielt hat, dass das Stück in Russland spielt, was den Bezug ja wohl herstellt, warum ist das jetzt anders?
Übrigens würde schon mach einer flüchtigen Lektüre des Stücks klar sein, dass die meisten Figuren des Stücks keineswegs veränderungsunwillig, sondern in Wahrheit zu einem bedeutenden Teil verzweifelt sehnsüchtig nach Veränderungen sind. Aber wer liest heute schon noch Stücke, zumal so uralte und auch noch russische?
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