Theaterzauber – das Making of

30. November 2025. "Gullivers Reisen" ist mit seinen magischen Wendungen genau das richtige fürs Weihnachtsprogramm, wenn die ganze Familie ins Theater kommt. Doch auf Illusion hat Jaz Woodcock-Stewart in ihrer Inszenierung der Theaterfassung von Lulu Raczka keine Lust. Stattdessen zückt sie die Livekamera um ganz nah ans Geschehen heranzugehen.

Von Marlene Drexler

 

"Gullivers Reisen" am DNT Weimar © Candy Welz

30. November 2025. Ein Protagonist, der sich wahrlich erst einmal die Augen reiben würde – wenn er es denn könnte! Doch Gulliver kann seine Hände nicht bewegen, als er am Strand erwacht und erschrocken realisiert: Er ist von fingergroßen Kreaturen umringt, die ihn frecherweise am ganzen Körper gefesselt haben. Diese Szene ist die wohl bekannteste aus dem Weltklassiker "Gullivers Reisen". Eine starke Metapher (Triumph der vermeintlich Schwächeren!) und zugleich Auftakt der schier endlosen Abenteuer Gullivers. Nach einem Schiffbruch landet dieser durchaus auch streitbare Antiheld erst in "Liliput", wo er sich mit den zwar sehr kleinen, aber eben sehr selbstbewussten Liliputanern auseinandersetzen muss. Später trifft er in "Brobdingnag" auf unberechenbare Riesen, schlägt sich dann auf der fliegenden Insel "Laputa" mit weltfremden Wissenschaftlern herum und beendet seine Sinnsuche letztlich im Land der sprechenden Pferde.

Ein Ritt durch irrwitzige, fantastische Welten - aber wer sich vor diesem Hintergrund auf jede Menge Theatermagie und Budenzauber freut, wird in Weimar enttäuscht. Hier empfangen profane, fahle, weiße Wände. Und damit sich hier wirklich keiner aus Versehen mal einer Illusion hingibt oder sich tatsächlich in einer fremdartigen Welt wähnt, stehen die Requisiten für alle sichtbar auf der Hinterbühne und zeigen: alles nicht echt, alles nur behauptet. Konsequenterweise lernt man die Spieler und Spielerinnen in völlig unspektakulären, alltäglichen Gammelklamotten aus Shirt und Jogginghose kennen.

Vielschichtiger Stoff

Im wahrsten Sinne des Wortes viel Raum nimmt in der Inszenierung die Videotechnik ein: Mal wieder werden ständig Live-Bilder auf Leinwände projiziert. Hier dienen sie im Grunde hauptsächlich als Mittel dazu, die Größenunterschiede zwischen Gulliver, den Liliputanern und den Riesen zu tricksen. Dass es so technisch und wenig sinnlich beginnt an diesem Abend, der den Anspruch hat als Familienstück und für Kinder ab sechs Jahren zu funktionieren, ist leider nicht der einzige Quell von Enttäuschung. Zumal eigentlich eine interessante Regie-Newcomerin Neugierde weckt: Jaz Woodstock-Stewart, Theatermacherin aus England, von der man sich – liest man Berichte über ihre bisherigen Arbeiten – ein interessantes Seherlebnis versprechen könnte.

Zainab Alsawah (Grace) im Traumland, in ihrem Traum zappelnd: Robert Prinzler (Frownamok), Mona Zarreh Hoshyari Khah (Kaiserin von Liliput), Aya Michele Zaghdoudi (Flimnap), Zalina Sanchez, Jonas Götzinger (Tynamos) © Candy Welz

Jonathan Swifts "Gullivers Reisen", veröffentlicht 1726, ist kein einfacher Stoff. Nein, viel besser noch: Es ist ein besonders vielschichtiger und kluger Text. Swift, irisch-englischer anglikanischer Priester liefert eine scharfsinnige Gesellschaftssatire, die in eine bissige Abrechnung mit der Natur des Menschen an und für sich mündet.

Ursprünglich für Erwachsene geschrieben, wurde das Buch mehrfach gekürzt, um es später als harmlose Abenteuergeschichte für Kinder und Jugendliche zu vermarkten. Auch in der Weimarer Textfassung von Lulu Raczka ist das Original stark bearbeitet. Zunächst wird eine inhaltliche Klammer gesetzt: Grace (Zainab Alsawah) ist genervt von ihren Eltern, weil sie ständig im Haushalt helfen soll. Doch das kleine Mädchen hat einen Trumpf in der Hand: ihre Fantasie. Und so träumt sie sich aus ihrem Zimmer heraus in fiktive Welten und schlüpft dafür in die Rolle des Gulliver.

Videolastig und eindimensional

Erst mit fortschreitender Handlung wird klar, dass Grace vor viel mehr flüchtet, als Wäsche aufhängen oder Einkaufen gehen: Offenbar ist ihre Mutter schwer krank – der Schmerz, sie in diesem Zustand zu sehen, ist für die Tochter schlicht nicht auszuhalten. Leider wird dieser Handlungsstrang viel zu unkonkret erzählt, um sich mit dem tragischen Schicksal von Grace verbinden zu können. Zumal die Figur der Mutter auch nie direkt auftritt und so keinerlei emotionales Szenenfutter geliefert wird, um gemeinsam mit dem kleinen Mädchen bestürzt und traurig zu sein.

Verkopft: Robert Prinzler (Wissenschaftler:in), Zalina Sanchez (Wissenschaftler:in), Mona Zarreh Hoshyari Khah (Wissenschaftler:in), Aya Michele Zaghdoudi (Wissenschaftler:in), Jonas Götzinger (Wissenschaftler:in) © Candy Welz

Überhaupt fällt es schwer, Grace oder einer der anderen Figuren wirklich nah zu kommen. Ein großes Hemmnis ist die Live-Kamera, die ständig vor der Nase der Spielerinnen und Spieler hängt und echtes Szenenspiel unterbindet. Der Kollateralschaden: Beziehungen bleiben undefiniert und es baut sich kaum Spannung auf. Zumal der Versuch, mit Hilfe der Kamera die Größenunterschiede der Figuren zu zeigen, sich kaum - wenn überhaupt nur auf kognitiver Ebene – einlöst. Denn man sieht ja die ganze Zeit, wie es hergestellt wird. Dann doch lieber dem Schauspieler, der den Riesen spielt, Stelzen anziehen. Grundsätzlich fragt man sich bei einem Abend, der so videolastig und dadurch eindimensional ist, warum muss das Ganze überhaupt im Theater stattfinden?

Generationenübergreifender Humor

Zumal auch die Zielgruppe zwischenzeitlich aus dem Fokus gerät. Etwa, wenn ein reinkarnierter Goethe und ein reinkarnierter Schiller darüber fachsimpeln, welche ihrer Stücke wohl heute noch gespielt werden. Wie soll da ein sechsjähriges Kind mitlachen? Dann doch lieber nach Humor suchen, der alle Generationen abholt. Noch am meisten Dynamik und Witz kommt in Szenen auf der Insel "Laputa" auf – weil es dort keine Riesen oder Zwerge gibt. Dafür Wissenschaftler, die zum Beispiel herausfinden wollen, warum nicht alles im Leben so weich wie ein Kissen sein kann: Dabei schmiegen sie sich an das Kissen, als würde es die Antwort glatt selbst geben. Das ist komisch und lässt erahnen, was mit diesem herrlich absurden Text alles möglich wäre.

Gullivers Reisen
Eine fantastische Weltumseglung von Lulu Raczka, Deutsch von Ulrike Syha
Regie: Jaz Woodcock-Stewart, Dramaturgie: Theresa Selter, Bühne und Kostüme: Rosanna Vize, Mitarbeit Kostüm und Bühne: Alys Whitehead, Sounddesign: Owen Crouch, Musik: Ben Ringham, Videodesign: Jack Baxter, Lichtdesign: Josh Gadsby, Live-Video: Yavor Minche.
Mit: Zainab Alsawah, Jonas Götzinger, Mona Zarreh Hoshyari Khah, Robert Prinzler, Zalina Sanchez, Aya Michele Zaghdoudi.
Premiere am 29. November
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

https://www.dnt-weimar.de

 

Kritikenrundschau 

Jaz Woodcock-Stewarts arbeitet mit parallelen Darstellungsfragmenten, die mit Videotechnik ineinander projiziert werden, schreibt Alexandra Abel in der Thüringischen Landeszeitung / Thüringer Allgemeine (1.12.2025). "Das ist faszinierend und trägt weit, besonders, da der Text von Swift als Bühnenstoff voller Herausforderungen ist. Wie macht man Gulliver erst zum Riesen, dann im Land Brobdingnag zum Winzling?" Durch das ständige Nebeneinander müsse allerdings auch die Aufmerksamkeit der Zuschauer springen. "Die Spielenden kommen nicht wirklich in eine Interaktion miteinander." Die einzelnen Sequenzen seien kurz. "Das alles führt dazu, dass man nur punktuell in die Handlung hineingezogen und von ihr absorbiert wird." Fazit: "Die Inszenierung bietet viel an, vielleicht zu viel."

Die Übersetzung des Stücks, das ursprünglich aus London stammt, sei eine Meisterleistung, so Theresia Schuler im MDR Thüringen Journal (30.11.2025). Magisch trifft es am besten. "'Gullivers Reisen' lässt sein Publikum lachen und weinen und träumen mit großer Leichtigkeit." 

Kommentare  
Gullivers Reisen, Weimar: Blühende Fantasie
Ich kann ehrlicherweise diese Kritik nicht wirklich nachvollziehen, ich bin mit 20 Jahren weder ein Kind, noch ein Elternteil, welches dort mit Kindern hingehen würde, jedoch fand ich diese Inszenierung absolut wundervoll. Die Kinder in meiner Nähe waren allesamt davon fasziniert, wie Theater funktioniert, deshalb war es super, mit anzusehen, wie die Illusionen durch Kamera und Ton erschaffen wurden.

Zudem funktioniert das leere Bühnenbild, in dem man Freiraum für alles hat, wunderbar, wenn man bedenkt, dass es um die blühende Fantasie eines Mädchen geht, welches wie die technischen Zaubereien, aus einem leeren Raum alles machen kann, was es sich vorstellt.

Es gibt viele Ebenen, mit denen sich die Inszenierung betrachten lässt, das ist sehr wichtig, um kein plumpes Kindertheater zu machen, es ist lustig, es ist faszinierend, es hat eine gewissen Tiefgründigkeit, man muss die Zuschauenden nicht für dumm verkaufen, auch die Kinder nicht, die verstehen auf ihre eigene Weise und ihnen gefällt das ebensowenig, ihnen im Theater alles vorzukauen, sondern wir alle können unsere Fantasie und unsere Gehirn einsetzen.

Auch berührend war es und die Mutter nicht zu zeigen war ein guter Weg für alle, sich selbst in Grace wiederzufinden. Erwachsen werden und sich den Ängsten stellen anstatt zu fliehen, viele Kinder haben zwar noch wenig Erfahrung damit, jedoch haben sie Freunde und Freundinnen, denen es schlecht geht, die vielleicht manchmal nicht zur Schule kommen, weil sie zu Hause schon erwachsener sein müssen als sie sollten. Es hilft, sowas im Theater den Kindern zu verstehen zu geben.

Zur Schauspielerischen Leistung kann ich nicht viel mehr sagen, als dass es absolut überzeugend war und perfekt aufeinander abgestimmt.
Spannend ebenso, ein Junge neben mir hatte anfangs absolut keine Lust, er hat sich wohl zu cool für‘s Theater gefühlt, war aber nach 15 Minuten gefesselt, hat seiner Mutter fasziniert ständig zugeflüstert wie cool er die Kameras findet nach dem Motto „wow! So kann man das machen“?? Seine kleine Schwester war genauso begeistert und hat sicherlich am Ende am lautesten geklatscht. Für ein Kinderstück war die Vorstellung unerwartet ruhig, das sagt viel darüber aus, wie die Kinder sich dort gefühlt und tatsächlich mitgefiebert haben. Und ist das nicht worauf es hier ankommt?
Gullivers Reisen, Weimar: Phantasievolle Umsetzung
Auch ich kann die Kritik absolut nicht nachvollziehen - die Videos sind keineswegs die ganze Zeit dominant, sondern immer nur dann eingesetzt, wenn sie für die unterschiedlichen Größenverhältnisse benötigt werden. Dadurch, dass es nicht eingespielt, sondern live auf der Bühne entsteht, man also der Entstehung des Effekts zuschaut, ergeben sich spannende Dopplungen.

Dass die Mutter nicht gezeigt wurde fand ich sehr nachvollziehbar, es geht um die Phantasie der Hauptdarstellerin Grace und ihre Reise dahin, am Ende doch auch die Realität zu akzeptieren.
Gullivers Reisen, Weimar: Empfehlung
Ich habe mich vorher nicht belesen,was auf mich und meinen 9Jährigen Sohn zukommt.
Denn ich möchte ja überrascht werden, wie werden die Schauspieler/innen die Größenunterschiede darstellen?
Und mein Fazit: Ich bin begeistert! Ein junges, dynamisches Stück hat mich sehr beeindruckt mit dem Stil...der Videofrequenzen...kurz: ich empfehle es weiter...wer auf künstlerische Freiheit im Theater steht ist hier richtig!
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