Mit Blindenhündin durchs Dunkel

21. März 2025. Einen Holocaust-Roman voll überbordender Fabulierlust schuf Jonathan Safran Foer mit "Alles ist erleuchtet". Mina Salehpour inszeniert ihn bereits zum zweiten Mal. In gänzlich anderen Verhältnissen.

Von Gabi Hift

Mina Salehpour zeigt "Alles ist erleuchtet" von Jonathan Safran Foer in Wien © Tommy Hetzel

21. März 2025. "Was machen wir jetzt damit? Was machen wir jetzt mit dem, was wir wissen?" Die Coda des Stücks steht gleich am Anfang. Und bleibt am Ende als Frage im Raum stehen, nicht nur für die Figuren, sondern auch fürs Publikum, das nach einem humoristischen Einstieg in einen Strudel immer schwerer zu ertragender Erzählungen über den Holocaust in der Ukraine hinuntergezogen wird.

Suche nach der Holocaust-Geschichte des Großvaters

Der Roman von Jonathan Safran Foer "Alles ist erleuchtet" war vor 25 Jahren ein überwältigender Erfolg. Der 19-jährige Autor war direkt nach der Highschool in die Ukraine gereist war, um irgendwas über die Herkunft seines jüdischen Großvaters zu erfahren – und fand rein gar nichts. Also konstruierte er rund um die historischen Fakten mit sagenhafter Chuzpe und Fabulierlust seine eigene Geschichte, ein ganzes Universum voll surrealer Erfindungen, mit viel Sex und Witz und Spiritualität. Er bediente sich ungeniert bei Chronisten des jüdischen Schtetls wie Scholem Alejchem und Isaac Bashevis Singer, aber auch "Hundert Jahre Einsamkeit" klingt an und sogar die "Blechtrommel".

AllesIstErleuchtet3 1200 TommyHetzel uReise in die eigene Familiengeschichte: im Vordergrund Seán McDonagh als JSF und Stefko Hanushevsky als Alex © Tommy Hetzel

Der Clou des Romans ist die Form, durch die sich diese Holocaustgeschichte überhaupt erst erzählen lässt: Road movie mischt sich mit magischem Realismus. Auf einer Ebene reist der Held, der genau wie der Autor Jonathan Safran Foer (JSF) heißt, Ende der Neunzigerjahre in die Ukraine, versucht das Städtchen Trachimbrod zu finden, aus dem sein Großvater stammte, und eine Frau auf einem alten Foto, die Augustine heißt und ihn möglicherweise vor einem Pogrom gerettet hat. JSF hat eine skurrile Truppe dabei, bestehend aus dem großmäuligen Übersetzer Alex, der miserabel Englisch spricht, dessen Großvater, der sich selbst für blind hält, aber als Fahrer fungiert, und einer sexsüchtigen Blindenhündin namens Sammy Davis Jr. Jr.

Auf der zweiten Ebene lesen wir Briefe von Alex an JSF, der, zurück in Amerika, an einem Buch schreibt, in dem er den Episoden von Alex' Reisebericht eine wild zusammenfabulierte Chronik von Trachimbrod hinzufügt.

Diese Struktur ist sehr schwer auf die Bühne transportierbar. Mina Salehpour hat die Geschichte vor zehn Jahren in Hannover schon einmal inszeniert. Auch damals war Andrea Wagner die Bühnenbildnerin. Auf dem Foto der alten Aufführung sieht man einen weißen Raum, in der Luft schweben weiße Ballons. Heute sind die Wände schwarz, auf dem Boden hunderte verkohlte Ziegel, vielleicht Überreste der abgebrannten Synagoge von Trachimbrod, oder umgestürzte Gräber, oder Steine, die auf jüdischen Gräbern liegen, als Zeichen, dass die Toten nicht vergessen sind. Die ganze Vorstellung hindurch schleppen die Darstellenden diese schwarz verkohlten Steine, schichten sie auf und um, sitzen darauf, schmettern sie auf den Boden. Das Licht ist düster, Kaltlichtspots auf den Gesichtern der Spieler*innen, sonst Schwärze, man muss die Augen zusammenkneifen, um etwas zu sehen, das ist ermüdend und bedrückend.

Reise bei abnehmendem Licht

Der Einstieg ist dennoch umwerfend komisch. Das liegt an der hinreißenden Sarah Viktoria Frick als Hündin Sammy Davis Jr. Jr. Schon beim ersten Riechen erfasst sie rasende Liebe zu JSF, der sich panisch vor Hunden fürchtet, kaum ist er im Auto, rammelt sie los, pausenlos und unstoppbar, manchmal wirft sie dabei einen verächtlichen Seitenblick ins Publikum, der den Loriot'schen Hund in den Schatten stellt.

Stefko Hanushevsky ist als angeberischer Alex ein witziger, charmanter Entertainer. Mit Gesangseinlagen und Kopien von Fernsehkomissaren versucht er den ernsthaften JSF aus der Reserve zu locken. Seán McDonagh als JSF spielt allerdings in einem anderen, viel formaleren Stil – aus den beiden wird kein Duo. Während Alex am Anfang versucht, supercool zu sein, um den von ihm verehrten aber auch belächelten JSF zu beeindrucken, wird er später immer mehr zum Spiegelbild.

AllesIstErleuchtet2 1200 TommyHetzel uFlitter der Narration über düsterer Wirklichkeit: Szene mit Sarah Viktoria Frick und Seán McDonagh, hinten: Stefko Hanushevsky © Tommy Hetzel

Nach dem unterhaltsamen Anfang wird die Aufführung immer düsterer. Im Publikum scheiden sich spürbar die Geister. Die einen finden die Witzeleien des Anfangs dem schweren Thema nicht angemessen. Die anderen – und zu diesen zähle auch ich – vermissen die Vielschichtigkeit und Fabulierlust des Romans, der immer dann, wenn die zu erzählende Wirklichkeit über das erträgliche Maß hinausgeht, zu den Sternen ausweicht, oder in wilde Sexgeschichten, zu Magie und philosophischen Weisheiten.

Was machen wir mit dem Wissen?

Als Sarah Viktoria Frick als Augustine endlich vom Massaker erzählt, das in Trachimbrod stattgefunden hat, macht sie das allerdings so glaubwürdig, dass einem kalt wird. Sie ist völlig dissoziiert von ihren Gefühlen und spricht immer von ihrer Schwester, nur durch einen kleinen Ausrutscher begreift man, dass sie selbst diese Schwester ist.

Die letzte Viertelstunde gehört dann dem Geständnis des Großvaters. Hans Dieter Knebel hat die Rolle in nur zwei Tagen für den erkrankten Branko Samarovski übernommen, eine unfassbare Bravourleistung. Er erzählt seine schreckliche Geschichte ruhig, geradlinig und offenherzig. Aber könnte ein Mann, der seine Schuld ein Leben lang verdrängt hat, so offenherzig sprechen? Könnte er die Geschichte so ungebrochen erzählen?

Ich fühlte mich gezwungen, das mit gesenktem Kopf zu ertragen, weil es als wichtig gilt, sich an solche entsetzlichen Vorkommnisse immer wieder im Detail zu erinnern. Weil man gelernt hat, dass es das ist, was man als anständiger Mensch zu leisten hat, als Sühne für den eigenen Großvater, der sich damals vielleicht schuldig gemacht hat. Oder der damals überlebt hat, während alle anderen aus der Familie gestorben sind. Ich weiß, dass viele das gut und notwendig finden. Aber ich frage wie Alex: Was machen wir damit? Was machen wir mit dem, was wir wissen?

Alles ist erleuchtet
nach Jonathan Safran Foer
Regie: Mina Salehpour, Bühne: Andrea Wagner, Kostüme: Maria Anderski, Komposition: Sandro Tajouri, Licht: Norbert Piller, Dramaturgie: Sarah Lorenz.
Mit: Sarah Viktoria Frick, Stefko Hanushevsky, Seán McDonagh, Branko Samarovski (in der Premiere wegen Erkrankung von Hans Dieter Knebel ersetzt).
Premiere am 20. März 2025
Dauer: 3 Stunden 15 Minuten, eine Pause

www.burgtheater.at

Kritikenrundschau

Viel zu wenig macht Mina Salehpour aus dem Roman, befindet Norbert Mayer von der Presse (22.3.2025). "Statt hintergründigem Witz gibt es platten Slapstick." Die Regisseurin "ist in die Falle gegangen, dem Roman in all seinen Wendungen brav zu folgen. Der subtilere Humor bleibt auf der Strecke, die Dramatik auch". Zudem leide die Aufführung "unter Missverständnissen. Sie kommt anfangs in der Komik nicht auf den Punkt und hat bereits das Limit der Erschöpfung überschritten, als sie im sadistischen Prozess der Liquidation unendlich traurig wird."

"Der Abend steckt voller schöner Details, entkommt aber Durchhängern nicht", berichtet Margarete Affenzeller im Standard (22.3.2025). "Das Aussparen, die Nichtabbildung einer konkreten Realität, das ist die Kernidee dieses Erzähltheaterabends. Sie kommt in ihrer Monotonie auch in ihre Grenzen. Doch letztlich überzeugt die Rigorosität, mit der die zu Möbelstücken aufgebauten oder als Geschenk überreichten oder als Hundeknochen angebissenen Ziegelsteine diese historisch durchwirkte Spurensuche vertreten."

Mina Salehpour "inszeniert diese Reise in die Vergangenheit in 195 mitunter langatmigen, aber lohnenden Minuten als aberwitzigen Roadtrip voller großartig schiefer Übersetzungen, Slapstick-Sex und mit einer schrägen Schicksalsgemeinschaft", schreibt Julia Schafferhofer in der Kleinen Zeitung (22.3.2025).

 

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