Das Poetische und das Erotische

1. Februar 2025. Die Geschichte mit Tarantino-Vibes hat es in sich: Eine jüdische Spurensuche in Europa im Schatten mörderischer Zeiten. Queeres Roadmovie trifft magischen Realismus. Guido Wertheimers Stück gewann 2024 den Hans-Gratzer-Preis. Jetzt wurde es im Schauspielhaus Wien uraufgeführt. Leider von Stephan Kimmig.

Von Gabi Hift

"Die realen Geister" von Guido Wertheimer. Am Schauspielhaus Wien von Stephan Kimmig uraufgeführt © Ines Bacher

1. Februar 2025. "Die Zukunft: der Körper eines Rehs, das zwischen den jüdischen Gräbern springt an einem ersten Sommermorgen," heißt es in dem Stück einmal. Ein Reh ist seinem Autor Guido Wertheimer tatsächlich begegnet: auf dem alten jüdischen Friedhof in Wien, einem märchenhaften, verwunschenen Ort. Der Friedhof wurde von der Natur zurückerobert, nachdem er 1917 wegen Überfüllung geschlossen worden war. Jüdische Gräber dürfen niemals aufgelöst werden.

Geister der Toten

Dass die Rehe, denen man an diesem verwunschenen Ort begegnet, Geister von Toten sein müssen, kommt auch nicht abergläubischen Besucherinnen unweigerlich in den Sinn. Umso mehr muss es Guido Wertheimer erwischt haben, dessen Großeltern einmal ihrer Verfolgung nach Südamerika entkamen, und der nun in Europa nach seinen Wurzeln zu sucht.

Ganz unerwartet stieß er in Wien auf einen Grabstein von Menschen, die seinen Nachnamen tragen: Szigo und Hedy Wertheimer – und genau in dem Moment erscheint das Reh. Er macht schnell ein Foto, aber es ist verwackelt, das Reh darauf nur ein unscharfer Fleck. Dieses Foto zeigt Wertheimers Alter Ego jetzt in dem Stück "Die realen Geister" seinem Lover. Wertheimer hat mit diesem Text den Hans-Gratzer-Preis gewonnen, mit dem die Uraufführung am Schauspielhaus Wien verbunden ist, wo sie nun Stephan Kimmig inszeniert.

Jason, Liebeskind und die Hackertruppe

Das Stück hat einen sehr besonderen Ton: schwebend, flirrend und poetisch. Vieles ist verschwommen – wie das Foto des Rehs. Es vereint magischen Realismus mit einem schwulen Roadmovie – und es hat eine mythologische Ebene. Das Alter Ego des Autors, ein Dichter aus Südamerika, heißt Jason. In der griechischen Mythologie kehrt der im Exil aufgewachsene Jason in das Land zurück, von dessen Thron einst sein Vater verjagt wurde, um sein Erbe zurückzufordern. Genau wie der mythologische Jason wird auch der junge Mann im Stück auf seiner Reise von der Schutzgöttin Hera begleitet – und von einem alten Fischer, in dem wohl der Gott Poseidon steckt.

Schwebend und flirrend: © Ines Bacher

Auf seiner Suche trifft Jason bei einem blind date einen mysteriösen jungen Mann, der sich Liebeskind nennt. Er ist Teil einer Hackergruppe, die versteckte Nazivermögen aufspürt, von den Konten stiehlt und sie an die Nachkommen der Opfer verteilt. Zwischen den beiden entspinnt sich eine leidenschaftliche Liebesgeschichte. Der Text lebt von seiner starken Atmosphäre. Man hört förmlich das Raunen der Geister. Und man fühlt die Luft zwischen Jason und Liebeskind brennen. Im Sex, in den Körpern liegt die Hoffnung. "Die Körper sind eine futuristische Idee" sagt Jason, "vor allem ein Körper, der einen anderen Körper trifft".

Mit Stumpf und Stingel

Der Text übt eine starke Faszination aus, ist aber oft auch nah an der Kitsch- und Klischeegrenze. Es ist klar, dass eine Aufführung ein Drahtseilakt ist, dass alles auf den richtigen Ton ankommt und auf die Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellern.

Stephan Kimmig aber lässt sich auf das Risiko, das der Text bedeutet, überhaupt nicht ein. Sowohl das unscharf Poetische als auch das scharf Erotische reißt er mit Stumpf und Stingel aus. Dass die schwule Beziehung ins Klischee abrutscht, kann nicht passieren, weil es gar keine schwule Beziehung gibt. Jason ist eine Frau. Nicht etwa nonbinär – das wäre in der schillernden, unbestimmten Welt des Stücks durchaus interessant gewesen. 

Iris Becher spielt Jason als verlegen feixendes Girlie. Und aus dem coolen, geheimnisvollen Lover, der seinen richtigen Namen niemals nennt, macht Maximilian Thienen einen herumhampelnden Scherzbold. Beide plappern und kudern non stop wie gehemmte Pubertierende, die ihre Sexualität wegblödeln müssen. Man kann hier den erstaunlichen Vorgang des Entqueerens durch Geschlechterwechsel einer Figur sehen. Weniger erotische Spannung in Liebesszenen als zwischen diesen beiden Figuren kann man sich kaum vorstellen.

Fehlende Verankerung

Die Götter pflegen einen eher unaufgeregteren Ton. Kaspar Lochers Fischer ist hauptsächlich müde, Florentine Kraffts Hera meist genervt davon, dass sie Jason helfen soll. Begreiflicherweise hasst sie dieses Jahrhundert und entledigt sich ihrer Pflicht auf trocken schnoddrige Art. Doch sie hat eine wunderschöne Gesangsstimme. Die zwei melancholischen spanischen Lieder, die sie a capella singt, sind die einzigen Momente, in denen so etwas wie echtes Gefühl aufkommen darf.

Überall sonst wird der Geisterromantik eiskalt der Garaus gemacht. Als Jason dem Reh begegnet, stakst Kaspar Locher mit nacktem Oberkörper und haarigen, behuften Stümpfen an den Armen als skurriler Rehdarsteller auf die Bühne und macht komische Mümmelbewegungen mit dem Mund.

Die realen Geister Ines Bacher 2Friedhofsgeflüster zwischen Mythos und Tagesaktualität  © Ines Bacher

Im Text besteht die Gefahr, dass die allzu vage Gewalt, die in der Luft liegt – nichts wird benannt, weder die Shoa, deren Opfer die Geister waren, noch der Terrorangriff der Hamas, von dem man nur hört, dass etwas Schreckliches unmittelbar bevorsteht – als Aphrodisiakum für die Liebesszenen benutzt werden könnte. Diese Gefahr entsteht in der Aufführung gar nicht erst, weil es gar keine Liebesszenen gibt.

... die üblichen Verdächtigen zum Schluss

Der fehlenden Verankerung in der Tagesaktualität rückt wiederum eine Videoeinspielung beherzt zu Leibe: man sieht Elon Musk, Alice Weidel und Trump Reden schwingen, dazwischen sind historische Aufnahmen von Menschenmassen mit zum Hitlergruß erhobenem Arm geschnitten. Well ...

Am Ende sind die Hacker aufgeflogen und das Schreckliche – gemeint ist der Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 – hat stattgefunden. Liebeskind stürzt sich ins Meer, Jason reist zurück nach Kolchis, Hera und der Fischer singen "El condor pasa" und tanzen Sirtaki dazu. Guido Wertheimer wäre sehr eine zweite Inszenierung dieses Stücks zu wünschen. Von einer mutigeren Regieperson.

Die realen Geister
von Guido Wertheimer
Uraufführung
Regie: Stephan Kimmig, Bühne und Kostüme: Sigi Colpe, Mitarbeit Kostüme: Wiebke Wenker, Musik: Scharmien Zandi, Video: Maximilian Wigger, Dramaturgie: Tobias Herzberg
Mit: Iris Becher, Florentine Krafft, Kaspar Locher, Maximilian Thienen
Premiere am 31. Januar 2025
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.at

Kritikenrundschau

"Stephan Kimming helfe dem poetischen und zugleich rätselhaft spröden Text nur bedingt auf die Bühne“, schreibt Michael Wurmitzer im Standard (3.2.2025). Mit Fragen stehe man vor vielen Teilen des Abends. "Insgesamt entsteht so leider wenig Sog."

"Der Text ist symbolbeladen, imitiert die Gravität antiker Vorbilder, zieht sie in die Gegenwart, stützt sich auf Wort-Titanen im Gestus eines Tragödienchors. Wie Orakelsprüche überkommt die Darstellenden zuweilen ein rasender Redeschwall, dann warnen sie das Publikum vor drohendem Unheil. Angesichts aktueller politischer Entwicklungen treffen sie einen Nerv. Trotzdem scheint die kryptische Poesie nicht immer reibungslos ins Stückgeschehen zu passen", schreibt Alexander Mayer in der Presse (3.2.2025).

"Das Ganze spielt in unserer Gegenwart, genauer gesagt, 2023," schreibt Martin Lhotzky in der FAZ (5.2.2025). "Was man daran ablesen kann, dass öfter der in der Szene aktuelle Monat genannt und dann vorgerechnet wird, wie lange es noch bis zum 7. Oktober dauert, eben 'bis alles wieder explodiert'." Anfang gebe es die Warnung: "Das Stück behandelt sensible Themen wie familiäres Trauma, Massenmord, Krieg und Suizid. Einige Szenen können emotional belastend sein." Das gelingt hier aus Lhotzkys Sicht allerdings kaum.

Kommentar schreiben