Schwarzer Vogel Armut

16. November 2024. "Königsweg" heißt der Titel übersetzt, hier aber führt er ins Nirgendwo. Genauer gesagt in ein ehemaliges Luxushotel, das nun gestrandete Existenzen bevölkern. Sind sie echt oder nur geträumt, ganz klar wird das nicht in diesem selten gespielten Drama von Tennessee Williams, das Anna-Sophie Mahler nun mit der Band Calexico neu erkundet.

Von Andrea Heinz

"Camino Real" von Tennessee Williams mit der US-Band Calexico am Wiener Volkstheater © Marcel Urlaub

16. November 2024. Fast könnte man meinen, es sei ein futuristisches Zeitportal, auf das sich glatte, weiße Wände und eine Art Rampe klaustrophobisch zubewegen. Und in gewisser Weise stimmt das sogar: Die künstlich verengte Bühne (Katrin Connan) zeigt, illustriert nur durch zwei traurige Kakteen, ein unwirtliches Nirgendwo irgendwo in der Wüste. Und alle wollen hier weg.

In einen anderen Raum, am liebsten auch in eine andere Zeit: Wahlweise die glorreiche Vergangenheit, oder eine vermeintlich bessere Zukunft. Aber daraus wird nichts in Tennessee Williams "Camino Real", das Anna-Sophie Mahler zusammen mit der live spielenden US-amerikanischen Indie-Band Calexico am Volkstheater auf die Bühne gebracht hat.

Traum? Fiktion? Wirklichkeit?

Es ist eines der eher unbekannten Stücke von Williams, und es unterscheidet sich im poetologischen Zugang deutlich von naturalistischen Dramen wie "Endstation Sehnsucht" oder der "Die Katze auf dem heißen Blechdach". Zwar geht es auch hier um die großen, existenziellen Themen, um Reichtum und Armut, Liebe, Begehren und Verachtung, das ewige Streben nach was-auch-immer und den Tod, mit dem es belohnt wird. Immer. Aber in "Camino Real" findet all das nicht an einem konkreten raumzeitlichen Ort statt, sondern irgendwo im Grenzgebiet zwischen Traum, Fiktion und Realität statt.

Der vermeintliche camino ist kein Weg, sondern eine Endstation für verlorene Existenzen: Hier landet der junge Boxer Kilroy, von Evi Kehrstephan (alias Stephan Kevi) mit kindlicher Arglosigkeit und rührender Verletzlichkeit gespielt. Kilroy trägt noch die Insignien seiner frühen Erfolge, die goldenen Boxhandschuhe, den Edelstein-besetzten goldenen Gürtel. Aber weil sein Herz so groß wie ein Babykopf ist, haben ihm die Ärzte das Boxen verboten. Die Freundin ist auch weg.

Aus einem David-Lynch-Film gefallen

Mittellos landet er auf der Plaza, auf der sich alles abspielt. Das Luxushotel des mitleidlosen Gutman (Andreas Beck) kann er sich nicht leisten, in der schäbigen Männerpension Ritz sterben die Leute. Sie wird betrieben vom Kleinkriminellen A. Ratt (Uwe Rohbeck), der mit seinem besoffenen, seltsam aus der Spur geratenen Tänzeln wirkt wie direkt aus einem David Lynch-Film gefallen.

Ritz men only: Pension für verlorene Seelen © Marcel Urlaub

Das wäre gar nicht mal so verwunderlich, denn es tummelt sich einiges Personal aus Popkultur und Literaturgeschichte in Williams' Stück: Antiheld Kilroy begegnet auf der Plaza Casanova (Elias Eilinghoff) und Kameliendame Marguerite (Bettina Lieder), die Tochter der Wahrsagerin (Anke Zillich) gemahnt an Esmeralda (Lavinia Nowak) aus dem "Glöckner von Notre Dame".

Lord Byron (Uwe Schmieder) schließlich, geschmackvoll in Rüschenhemd und Lederhose, hat als einziger das Glück, diesen Ort verlassen zu dürfen. Das Zeitportal ist nämlich eigentlich ein Stadttor, man sieht darauf Videoaufnahmen einer öden Wüstenlandschaft projiziert, manchmal auch mit brennendem Baum. Für Byron öffnet sich das Portal kurzzeitig. Kilroy dagegen wird in einer traumartigen Szene das Herz von einem "Dozenten" (Günther Wiederschwinger) herausgeschnitten, es scheint sich um ein goldenes zu handeln, und ob das nun sein Tod oder eine Art Apotheose ist, bleibt unklar.

Akustische Atmosphäre

Wie überhaupt reichlich unklar ist, wohin dieser Abend will. Calexico (in grandiosen, bestickten Anzügen! – Kostüm: Victoria Behr) haben eigens neue Songs geschrieben und steuern auch durchgehend die akustische Atmosphäre bei. Das hat durchaus einen gewissen Reiz, begeistert aber wohl vor allem Fans. Die Inszenierung bleibt daneben orientierungslos. Fast hat man den Eindruck, man macht es sich angesichts der offenen Struktur des Stückes leicht und bemüht sich erst gar nicht um Stringenz oder Tiefe.

Zu Besuch: die Kameliendame und Casanova (Bettina Lieder und Elias Eilinghoff) © Marcel Urlaub

Man sieht dem spielfreudigen Ensemble gerne zu, es gibt lustige Momente und tolle Einzelleistungen. Aber als Inszenierung, als Gesamtkunstwerk gar, vermag das Ganze nicht zu überzeugen. Der Abend zerfasert in isolierte Szenen und Einfälle, bleibt oberflächlich in generischen Anspielungen auf aktuelle Menschheitskrisen und letztlich beliebig. Ein bisschen kann man es den Figuren nachfühlen: Irgendwann würde man gerne einfach gehen.

 

Camino Real
von Tennessee Williams
Aus dem Amerikanischen von Jörn van Dyck
Regie: Anna-Sophie Mahler, Bühne: Katrin Connan, Kostüm: Victoria Behr, Komposition und Live-Musik: Calexico, Videoart: Max Hammel, Licht: Nicholas Langer, Ton: Michael Sturm, Dramaturgie: Alexander Kerlin.
Mit: Joey Burns, John Convertino, Andreas Beck, Paula Carbonell Spörk, Günther Wiederschwinger, Elias Eilinghoff, Uwe Rohbeck, Anke Zillich, Stephan Kevi, Lavinia Nowak, Bettina Lieder, Uwe Schmieder, Paul Wallfisch, Martin Wenk.
Premiere am 15. November 2024
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.volkstheater.at


Kritikenrundschau

Die große Wand scheine der Übergang in den Tod zu sein. "Es gibt kaum einen besseren Schauplatz, den man der US-amerikanischen Band Calexico für ihren Theater-Einstand bieten könnte", so Margarete Affenzeller im Standard (16.11.2024). "Camino Real ist ein Theaterabend auf dem Gerüst eines Konzerts. In dem folglich beide gleichermaßen zurückstecken müssen." Der Abend erreiche aber keine Dringlichkeit, zu vorsichtig tasten sich Musiker und Schauspieler ins gemeinsame Terrain vor. "Alles läuft korrekt und gemächlich, dabei ist hier in Wahrheit die Hölle los!" Die zivile Endstation sei im Volkstheater provokant hell gerahmt, die Ausgeliefertheit werde mit feierlichen Klamotten kaschiert. Fazit: "Die Inszenierung ist ein Zwitterwesen, das dem seltsamen und zu Recht selten gespielten Stück brav die Stirn bietet."

Thomas Kramar berichtet in der Presse (17.11.2024) angetan von diesem Abend: "Die Akteure und Akteurinnen verzichten erfreulicherweise darauf, den mythomanischen Reigen zu verblödeln, sie lassen lieber abgeklärt lächeln als laut lachen. Stephan Kevi gibt einen berührend aufgekratzten Kilroy, Elias Eilinghoff und Bettina Lieder als Casanova und Marguerite sind ein Paar, das in einer anderen Ewigkeit selig sein könnte. Andreas Beck kommentiert als Gutman das mythomanische Geschehen in der geradezu überirdischen Gelassenheit eines emeritierten Cowboys. Und die Mariachi-Trompete spielt dazu. Traumhaft."

"Der Abend sei eine Symbiose aus Theateraufführung und Live-Musik, wenn man so will die Erfindung eines neuen Genres", schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (19.11.2024). Anna-Sophie Mahler kenne die Band seit 1999. Sie und Burns begreifen die Musik als genauso semantisch aufgeladen wie Williams' Worte. In Wien ist die Band wohlbekannt. "Die Premiere wird dementsprechend zu einem Ereignis, das Theater- und Musikliebhaber im Publikum zu einem einstimmig begeisterten Haufen amalgamiert. Vielleicht auch, weil man spürt, wie sehr diese Aufführung ein Heilmittel gegen alles sein könnte, was einen gerade an den USA entsetzt."

Kommentare  
Camino Real, Wien: Großer Wurf
"Ob am Ende des Camino Real nicht vielleicht doch Erlösung auf all die Wandernden wartet? Das lässt sich schwer sagen. Aber immerhin werden sie einen Song von Calexico auf den Lippen haben. Anna-Sophie Mahler ist mit ihrem Ensemble ein großer Wurf gelungen, der zurecht lautstark und anhaltend bejubelt wurde." (Christoph Griessner, Austria Presse Agentur)
https://apa.at/news/calexico-strandeten-in-camino-real-am-ende-der-welt/
Camino Royal, Wien: Seltsames Erlebnis
Handlung? Man weiß bis zum Schluss nicht, worum es eigentlich geht. Eingefleischte Fans von Calexico sind naturgemäß IMMER begeistert, selbst wenn sie "Hurra die Hexe ist tot" von sich geben.
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