Krankheit oder Moderne Frauen - Volkstheater Wien
Frauchen is a bissl bissig
25. Januar 2025. Vor 35 Jahren provozierte dieses Jelinek-Stück einen Angriff auf die damalige Volkstheater-Direktorin. Nun schickt Claudia Bauer einen Schmusechor auf die Bühne, um die alten Wunden zu heilen. Auch Elfriede Jelinek selbst tritt auf. So hat man sie noch nicht erlebt.
Von Martin Thomas Pesl
Jelineks "Krankheit oder Moderne Frauen" am Volkstheater Wien © Marcel Urlaub
25. Januar 2025. Elfriede Jelinek und der Wiener Schmusechor, das ist doch eine überraschende Paarung. Sie: niemals kuschlig, er: zum Dahinschmelzen lieb. Die Neujahrskonzerte der etwa 50-köpfigen Truppe von Dirigentin Verena Giesinger im Wiener Volkstheater waren ausverkauft und dem Vernehmen nach geradezu magisch.
Nun sind Giesinger und einige ihrer Sänger:innen hierher zurückgekehrt, um ausgerechnet ein Stück der bissigen Nobelpreisträgerin klanglich zu untermalen. In eleganten Abendkleidern (auch die männlich gelesenen Mitglieder) nehmen sie anfangs im Orchestergraben Platz und stimmen auf Claudia Bauers Inszenierung von "Krankheit oder Moderne Frauen" ein. Schon 1990 lief dieses Stück als eines der ersten Jelineks auf der großen Volkstheater-Bühne. Ein Mann griff deshalb die damalige Direktorin Emmy Werner auf der Straße an und wollte sie würgen.
Der Beginn des Kalauerns
Elfriede Jelineks Werke waren schon harte Brocken, bevor sie zur tagesaktuellen Textfläche überging. Es gibt zwar Figuren, aber die reden kaum miteinander, stoßen eher frontal Selbstbeschreibungen in einer bereits schleichend vom Kalauervirus befallenen Sprache aus. Hier sind dies der Gynäkologe/Zahnarzt Heidkliff und seine Arzthelferin/Verlobte Emily, die schriftstellerische Ambitionen hegt und außerdem Vampirin ist, sowie der Steuerberater Hundekoffer samt schwangerem Hausmütterchen Carmilla. Letztere wird im Zuge ihrer sechsten Geburt von Emily untot gebissen und zu deren Geliebter.
Statt mit Holzpflock mit Holzgewehren bewaffnet: Die Herren Vampirjäger Elias Eilinghoff und Samouil Stoyanov, rechts: Annika Meier, Lavinia Nowak © Marcel Urlaub / Volkstheater
Klingt bunt, trashig und anstrengend. Ist es auch, nur hat Jelinek in Bauer eine Meisterin gefunden, was "bunt, trashig und anstrengend" angeht, und die wiederum im Volkstheater-Ensemble stimmgewaltige Verbündete, die den Text lustvoll behaupten. Samouil Stoyanovs bedröppeltem Steuerberater, der der untoten Ehefrau wie ein Baby nachheult, nicht wie ein Liebender, steht Elias Eilinghoffs Karikatur eines sportsüchtigen Self-Made-Mans gegenüber. Carmilla macht sich bei Lavinia Nowak mit einem gruseligen Werbefernsehgrinsen in Sätzen wie "Ich bin von liebenswürdiger Geringfügigkeit" selbst klein, nach dem Vampirbiss erwacht eine blutrünstige Erotik in ihr, und sie ist kaum wiederzuerkennen. Im mit Särgen bestückten trauten Heim mit Blümchentapete zieht es Carmilla dennoch ans Bügelbrett und -eisen, während Annika Meiers Emily eine Dichtung (also einen Song, komponiert vom musikalischen Leiter PC Nackt) für sie performt.
Frisch gezapftes Blut
Bühnenbildnerin Patricia Talacko hat im hellroten Wellpappestil an die Rampe eine Blutkonservenbar und auf die Drehscheibe ein Gebäude mit wenigen Türen gestellt, ein Symbol für den unergründlichen Frauenkörper, den es unerschrocken mit schwankender Live-Kamera (Ulrike Schild) zu erkunden gilt. Die Kostüme (Andreas Auerbach) strotzen vor liebevollem Luxus: So erinnert der bluttriefende Pflock in der Vampirin Brust an eine in Glitzer getunkte Koralle. Die Männer in vom Jogging- bis zum Showmaster-Anzug protzig schimmernder Gewandung sind äußerst Eighties, während Carmilla von Anfang an in den Fünfzigern steckt. Nosferatueske Schrifteinblendungen erweitern die Reise zurück in der Zeit.
Der Schmusechor und Nick Romeo Reimann © Marcel Urlaub / Volkstheater
Was heißt modern?, scheint die Inszenierung das Stück zu fragen. Sein Feminismus ist es nicht. Der beruht noch weniger auf weiblichem Empowerment denn auf Männerverhöhnung. Bauer und ihre Spieler:innen stellen das genüsslich aus, sind aber auch klug genug, den Eckzähne bleckenden Frauen und bang ihr "schmales Genital" betrachtenden Männern eine Prise Genderfluidität entgegenzusetzen: einerseits durch den Schmusechor mit seinen weichen Harmonien, andererseits durch die Gestalt von Nick Romeo Reimann, der als weißer Clown in Rock und Zylinder Jelineks Szenenanweisungen nebst Auszügen aus ihrem theaterkritischem Essay "Ich möchte seicht sein" vorträgt.
Schmusen statt würgen
Es ist gewiss die engelsgleichste Ausformung der seit Nicolas Stemann beliebten Tradition der "auftretenden Frau Autorin". Wird das Geschlechterkaracho zu deppert, schreitet Conférencier Reimann verlässlich ein. Die schönsten Textstellen serviert er mit extranoblem Wienerisch. Und als die Männer ihre Frauen doch noch abgeschlachtet haben (obwohl sie sich erst nicht trauten, ihnen ins Damen-WC zu folgen), schickt er uns umstandslos heim: "Jetzat bitte weggehen."
Mit humanistää! nach Ernst Jandl bescherte Claudia Bauer dem Volkstheater unter Kay Voges seinen ersten Triumph. Zum Ende der kurzen Ära krönt sie diese, Jelineks Parole "Ich will nicht spielen" entschieden trotzend, mit einem sinnlichen Fest: ganz hart und ganz weich zugleich.
Krankheit oder Moderne Frauen
von Elfriede Jelinek
Regie: Claudia Bauer, Bühne: Patricia Talacko, Kostüm: Andreas Auerbach, Komposition und musikalische Leitung: PC Nackt, Dirigat und Chorleitung: Verena Giesinger, Videoart: Max Hammel, Lichtdesign: Ines Wessely, Ton: Sebastian Hartl, Dramaturgie: Matthias Seier.
Mit: Elias Eilinghoff, Annika Meier, Lavinia Nowak, Nick Romeo Reimann, Samouil Stoyanov, dem Schmusechor (Sebastian Abermann, Alba Jona Becker, Nora Czapek, Nora Dejaco, Sabrina Eberl, Verena Giesinger, Jasemin Khaleli, Lavinia Lanner, Susanne Mlineritsch, Alexander Moser, Severin Stafflinger, Marlene Stocker, Christine Tielkes, Christian Woltron, Barbara Zenker), Arpen Daks (Live-Elektronik und Klavier) und Ulrike Schild (Live-Kamera).
Premiere am 24. Januar 2025 im Volkstheater Wien
Dauer: 2 Stunden, keine Pause
www.volkstheater.at
Kritikenrundschau
Claudia Bauer inszeniere "Krankheit oder Moderne Frauen" als Horrormärchen, wodurch es harmloser, aber auch heiter wird, so Margarete Affenzeller im Standard (26.1.2025). Denn der handwerklich meistergültig zugespitzte Klamauk ziehe dem Ganzen den spitzen Zahn. Und bei "einer Literatur, die ihrerseits parodistisch-sarkastisch angelegt ist, erzeugt nicht jede weitere parodistische Anstrengung Wirkung". Dennoch sei dieser Text noch so stark – er war der Diskurshoheit seiner Entstehungszeit offenbar weit voraus –, dass er auch in einer märchenhaften Überzeichnung zieht. "Er passt in die von Monstrositäten bevölkerte Gegenwart sogar wie die Faust aufs Auge", so Affenzeller.
Das Stück sei "merklich gealtert doch modisch aufgepeppt, erneut in Wien gelandet", so Norbert Mayer in der Presse (online 25.1.2025). Damals reichte die feministische Kampfansage noch zum Skandal. Claudia Bauers Show werde eher "zu einem Hochamt für jenes 'woke' Publikum, das der scheidende Theaterdirektor Kay Voges ans Haus zu binden verstand". Anstrengend sei die Mischung "aus didaktischem Kasperltheater, zuweilen trefflichen Kalauern und häufig unziemlich tiefen Pointen wie aus Bauernschwänken". Fazit: "Vielleicht sollte man Jelineks 'Krankheit' zeitgemäß anpassen, mit einem globalen Blick, der nicht nur gegen den öden Westen gerichtet ist."
"Die Schauspielerinnen und Schauspieler bersten vor Spielwitz, wobei Samouil Stoyanov als Steuerberater ungewohnt leise Töne anschlägt - was ihn umso komischer macht", schreibt Wolfgang Kralicek in der Süddeutschen Zeitung (26.1.2025). Das Wiedersehen mit dem Stück habe dem Kritiker Spaß gemacht.
"Großartig auf Punkt und Ton, Schritt und Pointe inszeniert, büßt der schon durch den Fleischwolf gedrehte Text an Bissigkeit ein, nebst aberwitziger Körperkomik bleibt aber genug Scharfkantiges", schreibt Julia Schafferhofer in der Kleinen Zeitung (26.1.2025).
"Zum Einsatz kommt alles, was einem popkulturell versierten, diskurssicheren und ironieverliebten Großstadtpublikum gefällt", so Jakob Hayner in der Welt (28.1.2025). "Das applaudiert am Ende auch artig. Trotzdem will der Abend nicht richtig zünden." Für Jelineks Parodiedauerfeuer habe Claudia Bauer nicht die richtigen Mittel parat, "Parodie-Overkill". Die Radikalzurückweisung jeglicher Illusion von Tiefe und das Lob der Oberfläche klingen zwar wie eine Gebrauchsanweisung zu diesem Abend, lassen einen aber ratlos zurück. Fazit: "Der ironische Textflächenfleischwolf und die Klamauk-Regie lassen wenig innere Spannung übrig. Was bleibt, sind die auf den Theaterbühnen allgegenwärtigen Versatzstücke einer geläufigen Patriarchatskritik."
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Wie leider Vieles in letzter Zeit von Voges und Bauer.
Der Text ist schlecht gealtert, wie Norbert Meyer zurecht schreibt. Aber nicht nur der Text.