Der Gast ist nicht zum Herzeigen

11. Oktober 2025. Nazis auf der Rattenlinie nach dem Zweiten Weltkrieg nimmt sich Miriam Unterthiner in ihrem Stück "Blutbrot" vor. Mit gelenkiger Sprachvirtuosität. Die Autorin ist so etwas wie die Newcomerin der Stunde und ein guter Grund für Regisseur Tomas Schweigen, nach Wien zurückzukehren.

Von Martin Thomas Pesl

Miriam Unterthiners "Blutbrot" in der Regie von Tomas Schweigen in Wien © Matthias Heschl

11. Oktober 2025. Bei Miriam Unterthiner ist viel los dieses Jahr. Sie ist "Nachwuchsautorin", wie sie sich selbstironisch in ihrem Text "Blutbrot" bezeichnet, "denn da wächst ja noch was in diesem Theater, also ich". Tatsächlich ist der Name der 1994 geborenen Südtirolerin allüberall zu lesen: In Innsbruck lief bereits vergangene Spielzeit ihr Stück "Va†erzunge". Mit dem Stückentwurf "Mundtot" gewann sie das Hans-Gratzer-Stipendium 2025, es wird im kommenden Januar am Wiener Schauspielhaus uraufgeführt. Für "Blutbrot" wiederum bekam Unterthiner diese Woche den Kleist-Förderpreis für neue Dramatik überreicht, zudem steht die im Februar erschienene Buchausgabe als eines der Debüts des Jahres auf der Shortlist beim Österreichischen Buchpreis.

Wortspielverliebt

Mit Kim de l'Horizons "Blutbuch" hat das Blutbrotbuch übrigens nichts zu tun, die möglicherweise entstehende Verwirrung dürfte der Autorin aber gefallen, wortspielverliebt, wie sie sich in ihrem Text zeigt. Der behandelt eigentlich die Fluchthilfe vieler Südtiroler:innen für Nazis nach dem Zweiten Weltkrieg, eine der sogenannten "Rattenlinien". Vorher geht es aber in einer geradezu komischen Obsessivität ganz viel um Brot, mehr noch als es einst in Ferdinand Schmalzens "am beispiel der butter" um Butter ging. Ein Brief über das Leid der Menschen im Erzgebirge 1932 käme wohl kaum im Stück vor, wäre der Verfasser nicht Kafkas Nachlassverwalter gewesen – der Mann namens Max Brod.

Blutbrot 3 CMatthias Heschl uFür Bühne und Video verantwortlich: Stephan Weber © Matthias Heschl

Die mit dem Kleist-Förderpreis einhergehende Uraufführung fand vor zwei Wochen im Theater Aachen statt, Jakob Weiss inszenierte. Für die österreichische Erstaufführung im Theater am Werk kehrt Tomas Schweigen als Regisseur nach Wien zurück, von 2015 bis 2023 war er hier künstlerischer Leiter des Schauspielhauses. Schweigens Team gibt dem Publikum zunächst ebenfalls: Brot, auch wenn die Gebirgslandschaft auf der Bühne (Stephan Weber) erst auf den zweiten Blick als das Innere eines saftigen Sauerteiglaibes zu erkennen ist.

Brot-und-Boden-Sprechoper

Ein darauf projiziertes Video zeigt Miriam Unterthiner herself, wie sie etwas kaut, leicht zu erraten, was. Da man mit vollem Mund nicht sprechen soll, übernimmt die Rolle der Autorin der Schauspieler Josef Mohamed und wünscht sich (also ihr) einen Chor. Der kommt dann auch sogleich, bestehend aus den restlichen vier Spieler:innen, die Kostümbildnerin Giovanna Bolliger in schwarz-weiß-rosa Stickware gesteckt hat, wie ein paar in liebevoller Handarbeit gefertigte Püppchen.

Derlei Bilder des Ländlichen, der stumpfen Tradition, spiegeln Unterthiners Text, der ironisch den Weg des Kornes in den Boden, des daraus entstehenden Brotes durch den Körper der Essenden nachzeichnet. Martin Gantenbein hat subtilen Sound entwickelt, Hannah Zauner kleine Choreografien, der Chor macht Chor-Dinge. Dass in dieser heiteren Brot-und-Boden-Sprechoper untertauchende Nazis auftauchen, fühlt sich erschreckend organisch an.

Blutbrot 1 CMatthias Heschl uChortheater in der Regie von Tomas Schweigen mit Kostümen von Giovanna Bolliger  © Matthias Heschl

Einer, Gerhard Bast, wird namentlich genannt: Der SS-Mann verdingte sich nach dem Krieg als Knecht bei einem Bauern in Südtirol. Wenn von den "Gästen" die Rede ist, die "nicht zum Herzeigen" sind, entstehen ganz von selbst Assoziationen zu einem neueren Problem der Region, dem Overtourism. Doch auch ein zeitloses Südtiroler Thema kommt zu seinem Recht: das Nirgends-Dazugehören zwischen Österreich und Italien, "am Brenner, dem Brennpunkt Europas, für den gerade niemand brennt, längst verbrannt ist er in den Politiker:innenmündern".

Brot für alle

Wenn sich schließlich die Autorin wieder einmischt, ihren heißersehnten Chor beschimpft und erklärt, ganz sicher nicht auf die autobiografischen Hintergründe des Stückes einzugehen, was sie damit erst recht tut, gehört dieser Ausflug auf die Metaebene zu den weniger originellen Aspekten eines vor allem sprachlich starken Textes. Im Schriftbild frönt Unterthiner bisweilen einer Art konkreter Poesie, verstreut Satzteile über die Seite. Ein Absatz ist durchsetzt mit scharfen S-Lauten, von Ermessen und Interesse über den zu passierenden Engpass bis hin zum Hinweis, nicht auf Wasser und Essen zu vergessen. Tomas Schweigen lässt diesen Teig weitgehend ungeknetet. Seine Spieler:innen flutschen souverän und rasant über die Textmasse, wodurch der gebackene Laib nicht zu voller Pracht aufgeht; zwar durchaus bekömmlich ist, aber nicht alle Geschmacksnuancen entfalten kann.

Und ja, natürlich geht das Ensemble kurz vor Schluss mit Brotkörben durch die Publikumsreihen und verteilt in Würfel geschnitten das wertvolle Gut. Beim Klatschen wird diesmal also gekaut.

Blutbrot
von Miriam Unterthiner
Regie: Tomas Schweigen, Bühne und Video: Stephan Weber, Kostüme: Giovanna Bolliger, Musik: Martin Gantenbein, Choreografie: Hannah Zauner, Dramaturgie: Hannah Lioba Egenolf
Mit: Thomas Frank, Isabella Händler, Lukas Koller, Josef Mohamed, Violetta Zupančič
Österreichische Erstaufführung im Theater am Werk im Kabelwerk am 10. Oktober 2025
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

www.theater-am-werk.at

Kritikenrundschau

"Gesprochen wird deutlich, gespielt sehr ordentlich", schreibt Susanne Zobl im Kurier (12.10.2025). "Da trifft gut gemachtes Theaterhandwerk auf einen ambitionierten Text. Dessen Stärke ist sein Rhythmus. Dennoch wird man schneller davon satt, als das Stück endet. Sprachspiele, Kalauer wirken wie an Jelineks Sprachkunstwerke angelehnt.

Das Stück werde "in der Inszenierung von Thomas Schweigen: etwas teigig dargereicht, wiewohl sprachlich mit allen Schlichen und Finten des Jelinek’schen Handwerks versehen", schreibt Ronald Pohl im Standard (12.10.2025). "Man wird wohl auch zukünftig viel von den Backkünsten dieser Autorin hören. Ihr aktuelles Stück hätte einen noch kräftigeren Zubiss durchaus vertragen."

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