Glück stets von kurzer Dauer

22. Juni 2025. Die Liebe – jeder meint zu wissen, was das ist. In seiner zehnstündigen Inszenierung "Musée Duras" taucht Julien Gosselin tief in den Liebes- und Literatur-Kosmos der französischen Schriftstellerin ein. Und es offenbart sich, was nicht Duras' Tragik, sondern die Tragik der Liebe in unserer Epoche sein könnte.

Von Jakob Hayner 

Julien Gosselins "Musée Duras" mit elf Texten von Marguerite Duras bei den Wiener Festwochen © Christophe Raynaud de Lage

22. Juni 2025. Liebe muss wirklich etwas Schreckliches sein, schießt es einem nach "Musée Duras" durch den Kopf, ein zerstörerischer Abgrund. Oder ist das der Erschöpfung geschuldet? Zehn Stunden lang wurde man als Zuschauer von Julien Gosselin mit Texten von Marguerite Duras unter Beschuss genommen. Nicht zwei oder drei Texte der französischen Autorin, nein, gleich elf sind es – am Stück mit einer Dauer von über zehn Stunden aufgeführt, unterbrochen von nur zehnminütigen Pausen. Gosselin, Leiter des Odéon in Paris, wird so bei den Wiener Festwochen seinem Ruf als allesverschlingende Textverarbeitungsmaschine des Theaters gerecht. Aber auch den Texten?

Im existenziellen White Cube 

"Musée Duras" darf man als Titel wörtlich nehmen. Die Bühne ist ein intimer White Cube, die Zuschauer sitzen sich auf Tribünen gegenüber, die Spielfläche in der Mitte wird je nach Text umgebaut und verwandelt sich beispielsweise in einen Gerichtssaal oder ein Museum. Das Stück behauptet keinen dramaturgischen Bogen, der alles zusammenhält, sondern versteht sich wie ein Rundgang. Beim Blick auf die verschiedenen Werke erkennt man zwar einzelne Motive wieder, ein stimmiges Gesamtbild ergibt sich jedoch nicht. So kann man als Zuschauer immerhin mittendrin ein- oder auszusteigen – eine durch Netflix & Co. eingeübte Form des seriellen Schauens.

Es spielen insgesamt 15 Absolventen und Absolventinnen des Pariser Schauspielkonservatoriums, die immer wieder in einen pathosschwangeren Rotz-und-Wasser-Stil verfallen, der irritierend wirkt, wenn man den vielfach ironisch gebrochenen Ton gewohnt ist, der sich auf vielen großen deutschen Bühnen etabliert hat. Aber warum nicht einmal ganz ernst und existenziell sein im Theater? Nur fängt jeder durchgehende Ton – ob ironisch oder postironisch – zu nerven an, wenn Effekt vor Inhalt kommt. Zudem es den Texten von Duras wirklich nicht an existenzieller Schwere mangelt. Es geht um nicht weniger als die "Liebe zwischen Leben und Sterben", wie es an einer Stelle heißt.

Eintauchen in die Trias aus Liebe, Sex, Tod: "Musée Duras" © Christophe Raynaud de Lage

Der Auftakt ist fulminant: Die Musik rummst, wummert und blubbert durch den abgedunkelten Raum, eine verhallte Stimme über Mikrofon, später kann man eine schemenhafte Gestalt auf der Bühne ausmachen. "Der Mann im Flur" ist die perfekte Einführung in die Liebesmotive von Duras: ein Porno für Liebhaber des französischen Existenzialismus. Es wird entblößt und geschaut, geleckt und gesaugt. Kein Feuchtgebiet des menschlichen Körpers bleibt unberührt. Zugleich wird das mit Landschaftsmetaphern überblendet. Das Begehren des Anderen ist ein Meer, in dessen Wellen der Erregung man unterzugehen droht oder wünscht. Eine wiederkehrende Trias aus Liebe, Sex, Tod.

Zerlegt in Elementarteilchen

Was Duras als Liebe beschreibt, ist nicht etwas, mit dem sich einfach die Welt verbessern oder ideale Kommunikationssituationen herstellen ließen. Bei Duras läuft die Sublimierung rückwärts ab, die Liebe wird wieder in ihre Elementarteilchen zerlegt, von Ekel und Abscheu über Verachtung und Erniedrigung bis Hass und Mordlust. Weit entfernt von der diskurspolitischen Vereinnahmung, wie sie im neohippiesken Motto der Wiener Festwochen "Republik der Liebe" anklingt. Stattdessen wandelt man mit Duras auf den Spuren von Georges Bataille (Erotik und Tod), Jean Laplanche (Sexualität als Enigma) und Jacques Lacan (Sexualität als Nichtverhältnis).

Inszenatorische Kargheit und die Nullpunkte der Liebe: "Musée Duras" © Christophe Raynaud de Lage

Wenn man einen roten Faden bei "Musée Duras" ausmachen will, so wäre es die Liebe als immer wieder scheiternder Bezug auf ein Drittes (daher der wiederkehrende Blick des Dritten), ein Gespräch, in dem man aneinander vorbeiredet und das gerade deswegen nicht abbricht, sondern weitergehen muss. "Die Liebe ist nun unlebbar, doch sie erreicht auch ihre letzte glanzvolle Stunde", heißt es in "Atlantik-Mann", dem Schlussstück. Warum sie unlebbar ist, verrät das zentrale Mittelstück "Schmerz", in dem der Geliebte misshandelt aus einem deutschen Konzentrationslager wiederkehrt. Es ist, auch in der inszenatorischen Kargheit, der erschütternde Nullpunkt der Liebe.

Zähmung unserer Epoche

Von "Hiroshima, mon amour" bis "Der Liebhaber" finden sich viele weitere Klassiker im "Musée Duras". Ein Museum auch deswegen, weil Gosselin sehr auf Bild und Wirkung hin inszeniert, oft eine Mischung aus Live-Film, Musikvideo und Spoken Word mit viel Nebel und buntem Neonlicht – eher etablierte Effekte statt feines ästhetisches Zeichensystem. So bleibt bei aller "Gewalt der Begierde" im Text doch der Eindruck, diese würde durch allzu perfektes und glattes Kunsthandwerk gezähmt werden. Oder ist genau das die schreckliche Tragik der Liebe in unserer Epoche?

 

Musée Duras
von Julien Gosselin nach Marguerite Duras
Regie, Bühne: Julien Gosselin, Kostüme: Valérie Montagu, Musik: Guillaume Bachelé, Maxence Vandevelde, Video: Raphaël Oriol, Baudouin Rencurel, Licht: Nicolas Joubert, Lou-Hanna Belet, Dramaturgie: Eddy d’Aranjo.
Mit: Mélodie Adda, Rita Benmannana, Juliette Cahon, Alice Da Luz Gomes, Yanis Doinel, Jules Finn, Violette Grimaud, Atefa Hesari, Jeanne Louis-Calixte, Yoann Thibaut Mathias, Clara Pacini, Louis Pencréac’h, Lucile Rose, Founémoussou Sissoko, Denis Eyriey. 
Premiere am 21. Juni 2026
Dauer: 10 Stunden 20 Minuten, mehrere Pausen

www.www.festwochen.at

Kritikenrundschau

"Der heimliche Protagonist dieser vielen Stunden Textaufsagens ist die Musik. Die Literatur von Marguerite Duras scheint in einen Topf mit Ambient gefallen. Unaufhörlich knirscht, blubbert, pocht und süßholzraspelt es musikalisch", schreibt Ronald Pohl im Standard (23.6.2025). Das "kuratorisch reizvolle Musée Duras" sei "kein zwingendes Gesamtkunstwerk". "Wenn jedoch Gosselins Netflix-Ästhetik dabei behilflich sein sollte, dass die Menschheit wieder mehr Duras liest, sollte man froh sein und nicht mäkeln."

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