Liebe intergalaktisch

8. Juni 2024. Die Welt ist nicht mehr zu retten. Drum lasst uns zu den Sternen reisen! "Very Rich Angels" von Madame Nielsen und Christian Lollike, ein Auftragswerk für die Münchner Kammerspiele, versammelt die Essenz des Kapitalismus in einem skurrilen Musical. Und schießt sie auf den Mars. Oder ist es doch die Venus?

Von Susanne Greiner

"Very Rich Angels" an den Münchner © Julian Baumann

8. Juni 2024. Madame Nielsen steht bereit. Schon beim Einlass wartet die Autorin des Stückes im Kellner-Outfit vor dem Vorhang, um ihre Bar zu öffnen. Ein bisschen Waschsalon, ein bisschen Hopper-Nighthawk-Ambiente und Nielsens im ersten Song raue Stimme à la Tom Waits saugen das Publikum walzernd ins Geschehen: "Welcome to the Confessional Bar", willkommen in der Bar der Bekenntnisse. Oder vielleicht doch dem Beichtstuhl? Denn die Nachtschwärmer in Nielsens Bar sind nicht nur illustre, sondern auch mächtig umstrittene weiße Männer: Bill Gates, Elon Musk und Mark Zuckerberg geben sich ein Stelldichein. Und erzählen von ihren Träumen.

Noch eben kurz die Welt retten

Welche Stimmung den Abend dominiert, ist schnell klar: Es wird skurril, mit einem Hauch Melancholie. Denn alle drei Very Rich Angels sind so verkopft, dass ihnen der Schädel aufs Fünffache geschwollen ist. Kathrin Bombe gestaltet eine atmosphärisch dichte Bühne und verpasst Gates, Musk und Zuckerberg Riesenköpfe, die sämtliche Perspektiven im Bühnenbild verschieben – und dem Ganzen einen kräftigen Schuss Humor einhauchen.

Very Rich Angels 5 C JulianBaumann uZuckerberg am X-(formerly known as Twitter-)Kreuz: Elias Krischke © Julian Baumann

Gates in gediegener Cordhose ordert Cheeseburger. Aber da ist doch noch ein Wunsch, ein viel tieferer, säuselt der Kellner in Gates' Ohr – und der Microsoft-Gründer gesteht. Statt die Menschen freizumachen, sind sie Sklaven seiner Technologie. Weshalb er jetzt dem Karitativen huldigt. Der neueste Hype ist eine Toilette, die Exkremente in Nahrung verwandelt: das nanomembrale Loo, das die Welt rettet. Auch Musk in Anzug und Fliege sowie Zuckerberg, natürlich im Facebook-blauen Leibchen, wollen die Welt retten. Elon mit der direktdemokratischen, multiplanetarischen Gemeinschaft auf dem Mars. Und "Zugarboy" als Messias im Metaverse, ganz ohne Hasskommentare. Dass das alles auch prima Geld in die Kassen spült, versteht sich von selbst.

Verloren im roten Nichts

Was wäre logischer als gemeinsam in die neue Mars-Welt Musks aufzubrechen? Fast wäre gar noch Putin, natürlich auch mit Riesenschädel, mitgekommen, ist er doch erst durch sie, die bösen Kapitalisten, selbst zum Monster geworden. Doch ein Leben unter dem Regenbogen ist nicht das Seine. Da bleibt er lieber an der Erde haften – und hat endlich freie Bahn. Deshalb schnell weg, sagt Nielsen und zündet die Rakete. Auf dem Mars werden aus den drei grandiosen Narzissten ängstliche Häufchen Elend. Verloren im roten Nichts stoßen sie auf die Marsianer. Doch wie mit den Aliens kommunizieren? Wie sich zeigt, gibt's da nur eins: Liebe. Und zack, sind die drei Engel mit dem ersten intergalaktischen Nachwuchs schwanger.

Madame Nielsen und Christian Lollike baden in Skurrilität. Zu Zuckerbergs Messias-Fantasie senkt sich ein Neonkreuz vom Bühnenhimmel, an dem sich der Facebookmacher räkelt. Dazu kommen melancholisch-schräge, teils auch punkig-rockige Musik und Songs (Jakob Suske und Nielsen), die an Bob Wilson, Tom Waits und William S. Burroughs' "Black Rider" erinnern und die Nielsen mit und ohne Ensemble perfekt oder auch gewollt dissonant präsentiert.

Ist Liebe die Antwort?

Die Schauspielerinnen und Schauspieler machen ihre jeweiligen Promis mit typischen Gesten zu wiedererkennbaren Charakteren: Christian Löbers biederer Bill legt beim Tanzen gerne mal eine Steppnummer ein. Annette Paulmanns Elon zappelt voller Energieüberschuss und ADHS-Bewegungen. Elias Krischkes Bub Zuckerberg will in Turnschuhen und Sweatshirt die Jugend festhalten. Und Jelena Kuljićs Putin jammert so herzzerreißend, dass Nielsen gar ein Tränchen im Augenwinkel steht.

Very Rich Angels 1 C JulianBaumann uGroßkopferte mal ohne Pappköpfe, aber mit Musik: Annette Paulmann, Jacob Suske, Christian Löber, Elias Krischke, Madame Nielsen © Julian Baumann

Nielsen verschwimmt mit ihrer Rolle. Reale Person ist Schauspielerin ist reale Person. Das passt, ist die Performerin doch eine, die den Menschen hinterfragt und zugleich Hoffnung für die Menschheit hat. Sie ist davon überzeugt, dass man sich neu erfinden kann, hat sie es doch selbst mehrere Male getan. 2014 ging Nielsen mit Gitarre ins ukrainische Krisengebiet und sang Liebeslieder. Damit sich die Menschen wieder näherkommen, sagte sie. Ihr letzter Song in "Very Rich Angels" ist eine Aufforderung zu träumen, "den tiefen, wahren Traum". Und "Love is the answer" könnte die Conclusio der dicken Männerbäuche in "Very Rich Angels" lauten. Ist das banal? Sicher. Aber banal muss ja nicht falsch sein. Und so schön verpackt wie hier gibt man sich dem Kitsch gerne hin.

 

Very Rich Angels
Uraufführung
Ein intergalaktisches Musical von Madame Nielsen & Christian Lollike
Regie: Christian Lollike, Stücktext: Madame Nielsen, Bühne & Kostüme: Katrin Bombe, Liedkomposition & Texte: Madame Nielsen, Komposition & Arrangements: Jacob Suske, Lichtdesign: Christian Schweig, Ton: Viola Drewanz, Paolo Mariangeli, Quirin Schacherl.
Mit: Elias Krischke, Jelena Kuljić, Christian Löber, Madame Nielsen, Annette Paulmann, Jacob Suske (Live-Musik).
Premiere am 7. Juni 2024
Dauer: 1 Stunde 30 MInuten, keine Pause

www.muenchner-kammerspiele.de

Kritikenrundschau

"Very Rich Angels" ist nicht frei von Verspottung. "Lächerlich nimmt sich das zunächst aus", so Philipp Theisohn in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (12.6.2024). Aber Musks Traum von der Menschheit als einer multiplanetarischen Gattung werde insgesamt nicht verächtlich gemacht, sondern das Stück fordere uns auf, "in den Traum der interstellaren Entrepreneure einzutreten, um überhaupt wieder aus ihm hinausgelangen zu können".

"In seiner Eigenart ist der Abend sicherlich verschroben genug, aber auch meist seltsam sanft, versponnen", gibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (9.6.2024, €) zu Protokoll. "Punk ist er nicht", urteilt er, "aber die Musik ist sehr gut." Wenn nach dem Superreichen-Trio Gates, Musk und Zuckerberg schließlich noch Putin auftrete, werde die Aufführung sogar "richtig böse, vollkommen inkorrekt" und "deshalb gut".  

"Es ist ein großer Spaß zu sehen, wie Christian Löber, Elias Krischke und Annette Paulmann die körpersprachlichen Macken der Charaktere übernommen und ausgearbeitet haben. Ein Slapstick-Fest, bei dem es vor allem Musk eigentlich gar nicht verdient hat, von der wunderbaren Paulmann gespielt zu werden", schreibt Michael Schleicher vom Münchner Merkur (8.6.2024). "Ein intergalaktischer Irrsinn."

"Dieser Abend ist eine große Farce mit einem starken Ensemble, grandios-komischen Szenen und abstrusen Einfällen. Unterhaltsam und ziemlich unheimlich. Denn diese vier Riesenköpfe sind alle noch auf dieser Welt und lenken ihre Geschicke", schreibt Anne Fritsch von der Abendzeitung (9.6.2024).

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