Alles amerikanisch, oder was?

1. November 2025. Ein Messie-Haus in den amerikanischen Südstaaten und ein mehr als übles Erbe: Branden Jacobs-Jenkins gibt dem Personal seines Familiendramas nach Tennessee-Williams-Art viel Konfliktpotenzial mit. Christian Stückl inszeniert. Auf der Bühne riecht es nach Rauch.

Von Sabine Leucht

"Appropriate" von Branden Jacobs-Jenkins (Regie: Christian Stückl) am Volkstheater München © Arno Declair

1. November 2025. "Bos jüdische Frau" hat er sie genannt, fällt Rachael wieder ein. Warum nicht einfach "Bos Frau"? Und auch Bo, ihr Mann, erinnert sich an eine Situation: Damals, als er frisch nach Yale kam und der Vater den afroamerikanischen Jungen in seinem Zimmer keines Blickes würdigte. Und dann, beim Abschied, hat er ihm zugeflüstert: "Sei vorsichtig!". War er ein Rassist, ein Kind seiner Zeit oder einfach "nervös", weil sich die Welt schneller veränderte als sein Blick darauf diesen Veränderungen folgen konnte?

Grausige Funde

Derlei Fragen ventiliert die Familie des frisch verstorbenen Familientycoons Lafayette: Ex-"Top-Jurastudent in Harvard, und eben kein unkultivierter Hinterwäldler mit Knarre im Anschlag", wie seine älteste Tochter Toni sagt, die das Ansehen des Vaters mit Zähnen und Klauen verteidigt. Selbst dann noch, als in seinem Nachlass ein Fotoalbum mit Bildern von toten Schwarzen Menschen auftaucht und ein paar Einmachgläser, in denen "anatomische Präparate" in bräunlich trüber Flüssigkeit schwimmen.

Toni hat ihr Leben der Sorge für den alten Mann und ihre beiden Brüder geopfert, von denen der jüngere ihre größte Enttäuschung ist. Als Drogenabhängiger und Kinderschänder hat Frank, der sich neuerdings Franz nennt, den Alten ausgenommen, sagt sie. Er sei krank geworden, weil ihn die Geschwister mit einem "alkoholkranken Geisteskranken" alleingelassen hätten, sagt Frank selbst. Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, hat keiner der drei Geschwister gelernt.

Die Lafayettes sind gnadenlos zerstritten und auf die unangenehmste Weise verkorkst. Erst bei den Enkeln wird's etwas milder. Das ist bereits in der ersten Szene des preisgekrönten Stücks von Branden Jacobs-Jenkins klar. Keiner und keine verhält sich hier angemessen, oder – so die dem Originaltitel hinzugefügte Übersetzung – "Wie es sich gehört". Die grausigen Funde beschleunigen nur ihren freien Fall.

Zerrüttete Verhältnisse: Lasse Stadelmann, Lola Dockhorn, Pascal Fligg und Jawad Rajpoot © Arno Declair

Daran lässt auch Christian Stückl keine Zweifel, der das Well-Made-Play des 1984 geborenen US-Dramatikers am Münchner Volkstheater inszeniert hat. Mit den Stammkräften seines Hauses Pascal Fligg und Carolin Hartmann als New Yorker Ehepaar Bo und Rachael, von dem langsam der Großstadt-Lack abblättert, dem charismatischen Jawad Rajpoot, dem der melancholisch-abgerockte Look des jungen Franz gut steht, und mit viel Nachwuchspersonal macht er vom Fleck weg ordentlich Dampf.

Gesellschaft unterm Brennglas

Vor allem die Frauen haben die Messer schon aufgeklappt in der Tasche und giften und grimassieren laut drauflos. Das sieht man nicht mehr oft im Theater: Von Frauen gespielte, auf Hysterie gepolte Weibsbilder, die einander zunächst nur verbal an die Gurgel gehen, während die Männer betreten danebenstehen. Mit diesen Harpyien-Szenen ist es ungefähr so wie mit Lakritz: Man steht drauf oder kann sie überhaupt nicht ab. In ihrer Oldschool-Haftigkeit passen sie aber nicht schlecht zu dem Stück, das im Jahr 2011 spielt und kurz danach uraufgeführt wurde.

Die zerrissene US-Gesellschaft, die er hier in a nutshell porträtiert, war damals noch um einiges weniger polarisiert. Doch Jacobs-Jenkins interessieren ohnehin weniger die Pole als der unerbittliche Konkurrenzkampf. Schon in der Deutschen Erstaufführung seiner für den Pulitzer-Preis nominierten Medien-Satire "Gloria" 2017 spritzte die Galle und blühten die tabulosen Karrierist*innen-Klischees. Das ist hier ähnlich, nur dass nicht unterschiedliche Karrierepläne, sondern lange nicht mehr synchronisierte Lebensnarrative aufeinanderprallen. Die Frage, ob der Vater ein Rassist war und wie man jetzt damit umgehen soll, spielt eher im Hintergrund.

Die verkohlten Stämme qualmen noch

Da lässt sie Stückl auch buchstäblich. Das Messi-Farmhaus in Arkansas, zu dessen Versteigerung die Lafayettes eigentlich zusammenkommen, hat Bühnenbildner Stefan Hageneier durch einen mit Bäumen bemalten Rundhorizont-Prospekt ersetzt. Davor liegen verkohlte Stämme auf der Bühne und qualmen noch. Es riecht nach Rauch. Unsichtbar hinter dem schwarzen Holz platschen die Schauspieler*innen bei ihren Auf- und Abgängen lautstark durch eine große Pfütze, deren bewegte Oberfläche wellige Schatten auf den Hintergrund wirft. Wenn ein Familienmitglied das Fotoalbum aufschlägt, überlagern Videos das Waldbild.

Sie zeigen weniger tote Menschen – die Gräuel der Lynchmorde will man nicht bebildern –, als feixende Weiße, Ku-Klux-Klan-Kutten und -Hauben oder "White Power"-Zeichen, aber auch wiedererkennbare Gesichter und Szenen, von Martin Luther King Jr. etwa oder dem Sarg des Schwarzen Bürgerrechtlers Malcolm X. Fürs teure Verscherbeln im Darknet, was die Familie schließlich plant, um nicht auf den Schulden des Vaters sitzenzubleiben, wären diese öffentlich bekannten Bilder sicher nicht geeignet. Klappt dann ja eh nicht, weil mit Sicherheit immer einer querschlägt in diesem dysfunktionalen Clan.

Räucherstäbchen und Zikaden

Stückl inszeniert ihn, dem reduzierten Bühnenbild zum Trotz, ziemlich boulevardesk. Er lässt Rajpoots Franz erst mal auf seinen Hosenschlitz gucken, wenn seine Verlobte River sagt: "Hol ihn raus" und den Entschuldigungsbrief meint, den Franz anschließend vorliest wie ein kleines Kind. River selbst, gespielt von der Otto Falckenberg-Absolventin Marlene Markt, ist eigentlich das schlimme Zerrbild einer esoterischen Veganerin, deren Quinoawaffeln den anderen für Minuten die Schandmäuler verkleben.

Hält Marlene Markt mutig und forsch dagegen? Oder übererfüllt sie das Klischee? Wenn sie mit tiefergelegter Stimme und Körpermitte einen Räucherstäbchentanz gegen böse Geister aufführt, vergisst man jedenfalls für einen Moment, wie amerikanisch das alles ist und trotz punktueller Anspielungen auf Oktoberfest und Co. auch bleibt. In seiner Thematik. In seiner Übertreibung. In seiner Glätte. In seiner krawalligen Selbstzerstörungslust und bis ins Zikadenzirpen hinein. Doch wenigstens das haben Stückl und sein Team dezent heruntergedimmt.

Appropriate (Was sich gehört)
von Branden Jacobs-Jenkins
Regie: Christian Stückl, Bühne & Kostüme: Stefan Hageneier, Musik: Tom Zimmer, Video: Max Bloching, Lichtdesign: Anton Burgstaller, Dramaturgie: Anouk Kesou.
Mit: Lola Dockhorn, Lasse Stadelmann, Pascal Fligg, Carolin Hartmann, Gio Yoo, Jawad Rajpoot und Marlene Markt.
Premiere am 31. Oktober 2025
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause

www.muenchner-volkstheater.de

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Kritikenrundschau

"Appropriate“ ist kunstvoll und perfekt gebaut, "die Sorte Dramenliteratur, die in Deutschland meist eher verachtet wird. In diesem Fall sehr zu Unrecht", schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (3.11.2025). Das Stück beginnt wie viele andere, Familie kommt zusammen, "dann aber tut sich der Horror auf. Der Horror von blankem Rassismus". Die Härte des Materials schneidet Stückl scharf gegen die Familien-Boulevardgroteske. "Jacobs-Jenkins deutet den Inhalt des Fotoalbums nur an, Stückl macht ihn explizit." Doch als Zuschauer bleibt man assoziativ nicht im Süden der USA, unweigerlich denkt man mit, was eine deutsche Familie im Keller haben könnte." Stückls Inszenierung, ist keine Analyse des väterlichen Rassismus, es geht um das Verleugnen, Verdrängen, Nicht-wahrhaben-Wollen." 

Autor Jacobs-Jenkins nutze den Rassismus-Vorwurf, um eine eh schon dysfunktionale Familie noch weiter am Rad drehen zu lasse, so Michael Schleicher im Münchner Merkur (3.11.2025). "Die Dialoge sind pointiert und schnurren flink dahin. Die Figurenzeichnung schramme manches Mal an der Grenze zur Karikatur entlang. "All das ist bestes Futter für die Schauspielerinnen und Schauspieler – aber eben halt auch etwas (zu) glatt und geschmeidig." Stückl gehe das Tempo mit. Der Hausherr inszeniere die Wortgefechte mit gelassener Genauigkeit – weder er noch sein Ensemble fürchten sich zudem vor boulevardesken Momenten. "Das macht den Abend kurzweilig, unterhaltsam – aber eben auch zu einem Zwitter." 

Christian Stückl inszeniert nah am Text und ohne Effekte, außer, dass er die Handlung ins Freie verlegt: einen Unort zwischen Baumleichen, so im Barbara Reitter-Welter in Donaukurier (3.11.2025). Immer, wenn einer das Fotoalbum aufschlägt, werden alte Schwarz-Weiß-Aufnahmen auf den Rundhorizont projiziert. "Sie erzählen in Sekunden-Spots vom amerikanischen Albtraum, lassen Martin Luther King ebenso erscheinen wie Malcolm X oder Sauberfrau Doris Day." 

 

Kommentare  
Appropriate, München: Lakritz
Ich persönlich hasse Lakritz, aber diese Nachtkritik hab ich sehr gern gelesen! Danke @Sabine Leucht fürs klug ausgewogene Denken und Schreiben
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