Auslöschung. Ein Zerfall - Burgtheater Wien
Ablasshandel mit Ausgestopften
17. Oktober 2025. Thomas Bernhards "Auslöschung" ist eine epische, endlose, finale Abrechnung mit Österreich und seiner braunen Vergangenheit. Heute sind Bernhards Alt-Nazis wirklich tot, aber die neuen stehen vor der Tür. Regisseurin Therese Willstedt setzt am Burgtheater zur Austreibung böser Geister an.
Von Gabi Hift
"Auslöschung. Ein Zerfall" am Wiener Burgtheater © Tommy Hetzel
17. Oktober 2025. Die schwedische Regisseurin Therese Willstedt, die im Vorjahr Virginia Woolfs "Orlando" versiebenfacht hat, wendet dieselbe Methode heuer auf Thomas Bernhards letzten Roman von 1986 an: Vor dem eisernen Vorhang steht eine rote Showtreppe, auf der nacheinander acht Bernhard-Klone auftreten. Sie tragen alle braune Bundhosen und braune Hemden, alle haben sie eine gekrümmte, ungesunde Haltung, alle ziehen sie eine Schulter hoch, allen rutscht immer mal wieder das Hemd aus der Hose und muss umständlich hineingestopft werden. Die acht Schauspieler*innen interpretieren diese so ähnlichen Körpermuster auf subtil unterschiedliche Weise, jede*r ist auf eigene Art lächerlich überheblich. Statt eines einzelnen furchterregenden Wüterichs echauffieren sich hier acht erbärmliche Bernhard-Lookalike-Würstchen – und sind uns gleich sympathisch.
"Auslöschung. Ein Zerfall" hat über 600 Seiten, auf denen der Protagonist Franz-Josef Murau mit seiner verhassten Familie abrechnet. Seine deklarierte Absicht ist es, alles in dem Bericht Beschriebene vollständig auszulöschen. Die Handlung ist nur ein simples Gerüst: Im ersten Teil erhält Murau ein Telegramm von seinen beiden Schwestern, das ihn davon in Kenntnis setzt, dass seine Eltern und sein Bruder bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind. Im zweiten Teil reist er auf den Familiensitz Schloss Wolfsegg zum Begräbnis.
Wenn es auf der Bühne dann tatsächlich nach Wolfsegg geht, hebt sich der eiserne Vorhang. Dahinter eröffnet sich im Nebel ein schauriges Panoptikum (Bühne: Mårten K. Axelsson). Die rote Treppe setzt sich als monumentale Schlosstreppe fort, auf den Stufen türmen sich die Scheußlichkeiten: ein an die vier Meter hoher, roter Samthirsch, umgeben von ausgestopften Dachsen, Mardern, Wölfen, Raubvögeln, Unmengen von Geweihen, grässliche Ölschinken, Puppenhäuser. In einer fulminanten Furcht- und Hasstirade beschreibt Lilith Häßle den Ort Wolfsegg mitsamt seinen "widerlichen, stupiden" Bewohnern, dabei gestikuliert sie bizarr mit zwei rosa Porzellanarmen, die sie einer Puppe ausgerissen hat.
Die schrecklichen Schwestern
Es entzündet sich ein wahres Feuerwerk an Spielideen. Murau erinnert sich an die Hochzeit der Schwester mit dem "Weinflaschenstöpselfabrikanten", Jörg Rathjen schlüpft in die Rolle des sturzbetrunkenen Pfarrers, der sich nicht an die Namen der Brautleute erinnern kann, plötzlich stapfen alle zu Klängen einer Blasmusikkapelle einen trostlos rudimentären Schuhplattler auf die Stufen. Die beiden schrecklichen Schwestern, die ihr Leben lang hüpfen statt zu gehen, was Murau wahnsinnig macht, treten als großgewordene Zwillinge aus Shining auf – Lilith Häßle und Ines Marie Westernströer hüpfen synchron und bedrohlich im Dirndl auf den Bruder zu und schimpfen schrill.
(K)eine Showtreppe: Bühne von Mårten K. Axelsson © Tommy Hetzel
Norman Hacker stürzt sich schamlos ins Dialektimitieren: der aus der Erinnerung aufsteigende Gutsbesitzervater deklariert seine Liebe zum Traktor in tiefstem Oberösterreichisch; den italienischen Kardinal Spadolini lässt er klingen wie aus einer billigen "Don Camillo und Peppone"-Synchronfassung entstiegen. Das alles hat Leichtigkeit und Rhythmus. Auch dann noch, als die Särge hereingebracht werden und es deutlich düsterer wird.
"Mein Vater war ein besonders dummer Mensch", verkündet Murau über dem Sarg. Und manche im Publikum atmen hörbar erschrocken ein. Der Sarg der Mutter ist im Gegensatz zu den Särgen von Vater und Bruder zugeschraubt. Wohl, weil ihre Leiche bei dem Unfall entsetzlich verstümmelt wurde. Besessen von dem Drang, den Sarg aufschrauben zu lassen, um zu überprüfen, ob wirklich alle Teile der Mutter darin liegen, steigt Jörg Ratjen auf den Sarg und windet sich in einem bizarren Tanz – eine Gänsehaut erzeugende Passage.
Auftritt der ewig Gestrigen
Aber dann ist Schluss mit lustig, die Nazis kommen. Die Eltern Muraus waren Nazis, Parteimitglieder, haben nach dem Krieg welche versteckt, haben die Hitlerjugend im Schloss proben lassen. Und jetzt, befürchtet er, werden die ewig Gestrigen das Begräbnis dazu benützen, um zum ersten Mal wieder ganz deutlich vor die Öffentlichkeit zu treten. 1986, bei Erscheinen des Romans, war das eine Provokation. Und noch mehr beim bald darauffolgenden Stück "Heldenplatz". Damals saßen die Nazis noch unbehelligt in hohen Positionen – und im Publikum. Die Waldheimaffäre begann gerade. Jetzt, vierzig Jahre später, sind sie tot.
Braun bleiben nicht nur die Kleider: Ensemble © Tommy Hetzel
"Sie sind gekommen. Sie sind wieder da", heißt es einmal. Es wird Licht im Zuschauerraum, die Schauspieler*innen kommen von der Bühne herunter, patrouillieren mit ausgestopften Raubvögeln am Arm durch die Gänge und suchen die Reihen nach den Nazis ab. Die ironische Haltung ist der Inszenierung an dieser Stelle verloren gegangen. Murau/Bernhard erhebt jetzt seine Qualen ins Allgemeingültige: die Eltern waren nicht nur brutal und kalt zu ihm, sie waren Nazis! Es geht um uns alle, um die Auseinandersetzung mit unserer Vergangenheit. Schön und gut, aber wie schaut die hier aus? Außer plakativen Schlagworten findet man bei Bernhard nichts. Er interessiert sich nicht für komplexe Zusammenhänge, weder für psychologische noch für politische. Er interessiert sich nur für die Grandiosität seines eigenen Außenseitertums.
Folklore mit Bernhard-Texten
Das führt zu der Schlusspointe: Murau vermacht das Schloss Wolfsegg seinem "Geistesbruder", dem Rabbiner Eisenberg für die Israelitische Kultusgemeinde in Wien. Dieses peinliche, von Bernhard deutlich nicht ironisch gemeinte Ende, des sich Loskaufens von der Vergangenheit, beschließt auch diese Inszenierung – und hinterlässt einen schalen Geschmack. Haben etwa wir Zuschauer*innen uns durch das tapfere Ertragen der Österreicher-Beschimpfung als Geistesmenschen qualifiziert und dürfen uns nun, genau wie Murau, mit den Juden, diesen durchweg großartigen Leidensmenschen, identifizieren? Weil auch wir unter der Nazivergangenheit leiden?
Ein solcher philosemitischer Kitsch gehört zur Schuldabwehrstrategie einer unterschwellig antisemitischen Gesellschaft. So unterhaltsam, musikalisch und brillant gespielt diese Aufführung auch ist: Ein Beitrag zur österreichischen Vergangenheitsbewältigung, wie sie es sein möchte, ist sie am Ende nicht. Unkritisch übernommene Bernhard-Texte werden zu Folkloreabenden, an denen das Publikum Ablasspunkte sammeln und sich eine echte Auseinandersetzung mit der österreichischen Vergangenheit ersparen kann.
Auslöschung. Ein Zerfall.
von Thomas Bernhard, in einer Fassung von Therese Willstedt und Jeroen Versteele
Regie: Therese Willstedt, Bühne und Licht: Mårten K. Axelsson, Kostüme: Maja Mirkovic, Musik: Emil Assing Høyer, Dramaturgie: Jeroen Versteele.
Mit: Aaron Blanck, Norman Hacker, Lilith Häßle, Alexandra Henkel, Sean McDonagh, Jörg Ratjen, Andrea Wenzl, Ines Marie Westernströer.
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause
www.burgtheater.at
Kritikenrundschau
"Der Abend ist brillant", schreibt Ute Baumhackl in der Kleinen Zeitung (18.10.2025). "Fast drei Stunden lang langweilt man sich keine Sekunde in diesem Musterfall präziser Textarbeit und gelungener Sprachspielerei."
Von einer "umsichtigen, sprachlich vorzüglichen Inszenierung" schreibt Margarete Affenzeller im Standard (18.10.2025). Nicht mehr oft vollbringe es ein Ensemble vollständig, der Sprache so viel Genauigkeit und Hingabe beizumessen wie hier. "Pointiert gesetztes Overacting (...) und eine sparsame, indes unberechenbare Choreografie machen die zwei Stunden fünfzig durchgehend spannend."
Thomas Kramar lobt in der Presse (18.10.2025) die "entsetzlich gute" Stückfassung: "Vielleicht weil Willstedt als Regisseurin die – in der Spielfassung gar nicht vorkommende – Passage ernst nimmt, in der Bernhard die ihm attestierte Übertreibungskunst rechtfertigt: als Mittel, um die Existenz auszuhalten. So lässt Willstedt ihre Darsteller auch im theatralischen Ausdruck stellenweise arg übertreiben, geradezu bis ins Hysterische, dabei sogar Bernhards Rhythmus sprengen. Das wirkt."
Auf der als rot tapezierter Freitreppe hüpfen, ja tanzen sie die steile Stiege rauf und runter, "verkleiden sich zur Verstärkung des Eindrucks mal in Dirndlkleidern, in Lederhosen oder auch Priestersoutane", so Martin
"Die große Geste der Distanzierung zieht sich durch den gesamten, immerhin fast drei Stunden langen Abend: Gespielt wird durchgehend in ironischer Überdrehtheit, alles wird ins Unernste gezogen – und dadurch zugleich harmlos, ja, belanglos", schreibt Jakob Hayner in der Welt (27.10.2025). Ein Zugang zum inneren Geschehen des Texts fehle völlig. Die Bühne schreie zwar nach großer formaler Setzung, werde aber nur auf verzagte Weise naturalistisch bespielt. Illustriert würden "zielsicher" nur die äußeren Vorgänge im Text: "Steht bei Bernhard, dass die Schwestern des Protagonisten hüpfen, hüpft auch das Ensemble." Willstedt stelle sich über das Stück, inszeniere an ihm vorbei, wolle ihn vorführen – für Hayner ein Beispiel, wie einstige Theaterrebellen am Burgtheater "von einer Generation junger Regisseurinnen nur noch müde belächelt und dem Spott preisgegeben" würden.
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Weil Bernhard hier absolut keine Hand zwischen seine diesbezüglichen, Komplexität der Dum/m)pfheit atmenden Textzeilen geduldet hat, ist er ja auch entsprechend abgestoßen worden von denen, die ihn immer so gern als adelndes Abzeichen ihrer antirechten Menschen-Güte an ihre werbende Brust geheftet hätten...