Hier sind Gespenster

20. Dezember 2024. Wie erschafft man theatrale Parallelwelten, Überblendungen, bewohnte Unterwelten? Roman Senkl ist Vorreiter des digitalen Theaters. "Das Haus", sein neues Projekt am Burgtheater, wird live auf twitch gestreamt. Die ureigenste Domäne der Spezialeffekte lässt sich hier auf jeden Fall bewundern.

Von Gabi Hift

Lisa Wentz' "Das Haus" von Roman Senkl am Burgtheater beziehungsweise auf Twitch inszeniert © Julian Pache, Simon Lesemann

20. Dezember 2024. MondRubberduck: Wenn ich bis jetzt nicht high war... bin ich's jetzt
akumuenjeru: mood
Proppellerr: Bitte nicht flüstern, das ist so nervig
derpaulauswien: too real
Wienerwaelder: die spielen alle sehr gut.
ugly__feet: ist das cool ey
polyorea: creepy
edgyboy6574: KI
dz78677776: unsere Zukunft
berge_sternchen_innen: Nice

Hinter diesen poetischen Namen stecken die Teilnehmer des Chats von der Premiere von "Das Haus" auf der Plattform twitch. Dieses "erste postpandemische digitale Stück" am Wiener Burgtheater findet als Livestream statt. Die Aufführung – ein durchinszeniertes Stück – wird von vier Schauspieler*innen des Burgtheaters gespielt, und das Publikum schaut zu, live, also im selben Moment. Allerdings sitzt es nicht im Zuschauerraum, sondern zu Hause am Computer. Wer sich anmeldet, bekommt vor Beginn einen Link, über den man die Vorstellung (gratis) anschauen kann, und wer möchte, kann im Chat in Echtzeit kommentieren.

Bewohnte Parallelwelt

Entwickelt wurde dieses Format während der Corona-Pandemie, in der tristen Zeit der Isolation. Es entstanden dabei aber neue Formen, die weit mehr waren als Notlösungen. Und es wurde ein neues Publikum angesprochen: die Community der Gamer und Gamerinnen, passionierte Videospieler*innen, die kaum in normale Theater gehen, von denen sich aber, zur Überraschung der Theaterleute, sehr viele für diese Formate begeisterten.

Roman Senkl, der Initiator von "Das Haus", ist einer der profiliertesten Regisseure in der Welt des digitalen, hybriden und kybernetischen Theaters. Als erstes stand der Plan, an der Burg live gestreamtes Theater zu machen. Dann kam der Ort, den er sich dafür wünschte: die Wiener Unterwelt – ein riesiges Reich aus uralten Kellergewölben, teilweise noch aus dem Mittelalter. Schon in seiner letzten Produktion am Schauspiel Köln, "Hinter den Zimmern" war Senkl auf der Suche nach von Geistern bewohnten Parallelwelten. Gespenster aller Art, Spuk, veränderte Bewusstseinszustände, all das ist die ureigenste Domäne der Spezialeffekte, ein Terrain, das die Pioniere des digitalen Theaters vom Film zurückerobern wollen.

Horror x Märchen

An erster Stelle stand bei der Entwicklung von "Das Haus" also die Form, an zweiter der Ort: die Wiener Unterwelt. Die Story kam erst an dritter Stelle, sie sollte wohl hauptsächlich begründen, wieso Geister, Traum- und Märchengestalten in den Kellern tief unter der Stadt auftauchten. Die junge Autorin Lisa Wentz, deren mit dem Nestroypreis ausgezeichnetes Stück "Adern" sehr erfolgreich am Akademietheater läuft, wurde beauftragt, ein solches Vehikel zu konstruieren.

Dem Text merkt man an, dass sich Wentz die Story entlang äußerer Vorgaben ausgedacht hat und nah an der simplen Realität geblieben ist: Es geht um die direkt bevorstehende Premiere einer jungen Theatermacherin, Mona. Sie ist der Spross einer Theaterdynastie, ihre Mutter ist der Star des Hauses, der Vater eine Legende, ihre Schwester, die auf dem besten Weg zum Ruhm war, ist tot: Überdosis. Das Stück handelt von dieser Familie. Das Kellerlabyrinth stellt die Unterbühne des Theaters dar, auf der sich alle auf den Beginn vorbereiten, im übertragenen Sinn wird es dann zur Unterwelt von Monas Träumen und Ängsten. Sie erlebt den Albtraum aller Autor*innen, die ihre eigene Familiengeschichte benutzen (wie auch Lisa Wentz es in "Adern" getan hat): die Geister erheben sich und verfolgen die Autorin.

Mona (Elisa Plüss) und ihre tote Schwester (Safira Robens) in "Das Haus" © Julian Pache, Simon Lesemann

Lisa Wentz hat alles Mögliche aus Horror und Märchen zusammengemixt. Die tote Schwester liegt mal als Leiche im Schnee, dann läuft sie als kleines Mädchen im Tütü durch die Gänge, dann schwebt sie im Nachthemd mit zurückgebogenem Rücken ein Meter über dem Bett in der Luft, wie man es aus Exorzismus Filmen kennt. Szenen aus Schneewittchen, Froschkönig und König Midas poppen auf – als hätte im Prater die Grottenbahn mit der Geisterbahn fusioniert.

Tief in eine Familiengeschichte

Die Nebenfiguren sind alle ein wenig übertrieben gezeichnet, was die Schauspieler*innen ganz unterschiedlich interpretieren und was generell in den Nahaufnahmen schwierig ist. Ernst Allan Hausmann macht aus dem eitlen Schauspieler Edi, der den Vater spielen soll, eine dick aufgetragene Knallcharge (er ist damit allerdings der Liebling der Chatteilnehmer). Sabine Haupt spielt ein für sich genommen amüsantes narzisstisches Muttermonster. Die Interaktionen mit den Töchtern sind aber unglaubwürdig. Safira Robens gibt die Darstellerin der toten Schwester ernst, naiv und tränenreich.

Einzig Elisa Plüsch, die die Regisseurin Mona spielt, also die Person, in deren Kopf sich alles abspielt, findet streckenweise einen einfachen, geraden Ton, der in den filmischen Großaufnahmen gut funktioniert. Sie hat ein ausdrucksstarkes Gesicht, man schaut ihr gerne zu. Aber beim Herumeiern zwischen den verschiedenen Ebenen, zu dem sie der Text zwingt, wird auch ihr Spiel irgendwann unglaubwürdig und beliebig.

DASHAUS ElisaPlüss ErnestAllanHausmann c Pache Lesemann BURG 1.1.3Viel Großaufnahme: Elisa Plüss und Ernest Allan Hausmann © Julian Pache, Simon Lesemann

Weil das Stück irgendeinen roten Faden braucht, ist Mona die ganze Zeit verzweifelt auf der Suche nach dem verschwundenen Pappmaché-Kopf von Nestroy, der offenbar das wichtigste Requisit des Stücks ist. Aber aus dieser Hektik heraus muss sie sich plötzlich ohne Anlass in eine traumverlorene Person verwandeln, die völlig vergessen hat, dass ihre Premiere gleich losgehen soll. Dann schaut sie mit großen Augen auf allerlei Spielzeug aus der Vergangenheit, stolpert in Märchenszenen, nur um ebenso plötzlich wieder hektisch nach dem Kopf zu suchen. Für den Wechsel der Ebenen gibt es weder ein ästhetisches noch ein spielerisches Prinzip. So knüpft Elisa Plüss zwar den dünnen roten Faden für das Stück, verliert aber den Faden ihrer Figur.

Filmische Effekte

Das Stück ist eher dazu da, die – durchaus interessanten – verschiedenen Effekte zu präsentieren, als eine Geschichte zu erzählen. Mal legt sich über das Gesicht einer Schauspielerin ein anderes Gesicht, mal wechselt mitten im Bild das Kostüm – das sind Szenen aus der Vergangenheit, die die Gegenwart überlagern. Püppchen in einem Puppenhaus beginnen sich zu bewegen, zwischen den Menschen erscheinen gezeichnete Fratzen. Dass diese Effekte live erzeugt werden, ist erstaunlich. Aber was man auf einem Bildschirm sieht, vergleicht man doch unwillkürlich mit Film. Vermutlich wäre es beeindruckender, wenn man live dabei wäre und Schauspieler*innen und Techniker*innen bei der Arbeit zusehen könnte und gleichzeitig das Ergebnis auf einer Leinwand darüber erschiene.

Die Kommentator*innen aus dem Chat nennen die Aufführung – voll Bewunderung – "creepy". Und das ist ganz bestimmt auch die Atmosphäre, die sie erzeugen will. Bei mir hat sich das nicht eingestellt. Ich bräuchte eine Basis von behaupteter Normalität, damit das Unheimliche in sie einbrechen könnte. Aber dazu sind die Figuren zu hölzern, die Situationen zu unglaubwürdig. Ich nehme an, dass in der Community der Gamer und Gamerinnen das Errichten virtueller Welten, an die alle glauben, anders funktioniert, als ich es aus Theater oder Romanen gewohnt bin. Sie sind für diesen Teil des Publikums die relevanten Stimmen – und ich nehme an, dass "nice" ein hohes Lob ist – das ich gerne weitergebe.

Das Haus
basierend auf einem Text von Lisa Wentz
In einer Fassung von Roman Senkl und Ensemble
Regie: Roman Senkl, Creative Technology: Phil Hagen Jungschlaeger, Ausstattung: Simon Lesemann, Kamera & Bildgestaltung: Julian Pache, Komposition & Sounddesign: Lorin Brockhaus, 3D Visuals: Nils Gallist, Dramaturgie: Sarah Lorenz.
Mit: Elisa Plüss, Safira Robens, Sabine Haupt, Ernst Allan Hausmann.
Premiere am 20. Dezember 2024
Dauer: 1 Stunde

www.burgtheater.at

Kritikenrundschau

"Ein Vorteil der Live-Kamera: Man kommt ihr sehr nah", schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (21.12.2024) Der Film erinnere ästhetisch an Lars von Triers "Hospital der Geister", behalte aber das Unperfekte des im Moment Entstehenden. "Dazu kommen Senkls digitale Interventionen. Erst sind es kleine Irritationen, dann werden daraus größere Erinnerungsfetzen, schließlich entsteht ein veritabler Alptraum." Fazit: "Das Geheimnis der Familie entwickelt einen Sog, doch letztlich ist es das abgefilmte Live-Geschehen, das stärker fasziniert."

"Roman Senkl ist ein packender Abend gelungen, der dank starker Schauspielleistungen bei der Stange hält. Ein interessantes Experiment, das nicht zuletzt aufgrund technischer Mätzchen jedoch auch seine Schwächen aufweist." So berichtet Sonja Harter im Volksblatt (20.12.2024).

"Die Spezialeffekte fesseln mehr als die Geschichte", schreibt Katrin Nussmayr von der Presse (21.12.2024). Trotz einiger Störungen lege man ein beachtliches Stück Theater-TV hin. "Das sich allerdings nicht live anfühlt. Und – von einer Überraschung abgesehen – auch nicht die Interaktivität der Plattform ausnutzt." Was bleibe, sei "eine nette Meta-Theater-Show, die bestimmt einige Bühnenfans erstmals auf Twitch führt". "Und vielleicht ja auch manche den umgekehrten Weg."

Kommentare  
Das Haus, Wien: Neue Publikumsgruppierungen
Auch die Burg geht DIGITAL! Wird digital gesellschaftsfähig? Digital ist eine Realität, der sich auch das Theater nicht auf Dauer verschließen kann. Erste Versuche häuften sich während der Corona-Pandemie. Es entstanden Streaming Plattformen wie Dringeblieben, Spectyou, National Theatre at Home und viele mehr. Auch Augsburg mit seinen VR-Brillen-Performances geht neue Wege und Nachtkritik plus bietet Streaming sowie digitale Projekte an. Ein neues Feld öffnet sich für das Theater und eine Vielfalt digitaler Angebote wird sich entwickeln.
"Das Haus" ein spannendes Projekt, dem bei der UA ca. 300 Interessierte folgten. Sogar mit Live-Chat wenn man sich registriert hatte. Im Chat entstand die Kommunikation mit dem Publikum und unter dem Publikum. Selbst über Weihnachtsgebäck wurde während der Aufführung gechattet. Der Sprachcode des Publikums sprach für ein junges Publikum von Gamern und Social-Media-Fans. Neue Publikumsgruppierungen entdecken das Theater oder das Theater entdeckte neue Publikumsgruppen.
Ich bin gespannt, was sich auf diesem Feld noch alles bewegen wird. Ich werde diesen Trend mit Aufmerksamkeit weiter verfolgen. Chapeau!!!
Das Haus, Wien: Dankbar
Ich kann mich meinem Vorredner nur anschließen - bin dankbar über solches Theater!

Ganz abgesehen davon, dass die Behauptung, diese Form von Theater sei während der Pandemie "entstanden" schon allein faktisch nicht stimmt. Das zeigt bereits die Lektüre der Biografien der beteiligten Personen.
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