Der Revisor - Burgtheater Wien
Zitronengelb steht dir nicht
15. Dezember 2024. Wo der Opportunismus blüht, ist die Bereitschaft, falschen Autoritäten aufzusitzen, besonders hoch. Von diesem Grundsatz handelt Nikolai Gogols Komödienklassiker aus dem Jahr 1835. Mateja Koležnik versetzt ihn in ein Ambiente von Kaltem Krieg und Realsozialismus. Eine entscheidende Frage aber lässt sie offen.
Von Andrea Heinz
"Der Revisor" in der Regie von Mateja Koležnik am Wiener Burgtheater © Tommy Hetzel
15. Dezember 2024. Die Geschichte, die Nikolai Gogol in "Der Revisor" erzählt, ist eine über das allgemein Menschliche: über die Bereitwilligkeit, zu täuschen und sich täuschen zu lassen, Autoritätshörigkeit, Gier und Opportunismus. Die Bürger*innen eines kleinen Städtchens biedern sich da einem vermeintlichen Revisor auf alle nur möglichen Arten an – und kapieren zu spät, dass sie sich in ihm getäuscht haben.
Mateja Koležnik versetzt Gogols Komödie aus dem 19. Jahrhundert in ein Setting, das eher nach Realsozialismus und Kaltem Krieg aussieht. Auf der Bühne (Klaus Grünberg) nur ein runder, grau vertäfelter Bau, der im Inneren über eine Treppe verfügt, die – so hört man die Figuren berichten – mehrere Stockwerke hinauf bis zu einer Dachterrasse führt.
Strenges Regiment
Hier residiert der Bürgermeister Anton Antonowitsch Skwosnik-Dmuchanowskij, den Robert Koch als gleichermaßen cholerischen wie lächerlichen Provinz-Herrscher anlegt. Das Gebäude verfügt über eine rege frequentierte Bedürfnisanstalt, deren Belegung ein rotes Licht anzeigt, und auch das Gasthaus, in dem die schlecht gelaunte Kellnerin Fewronia (Alexandra Henkel) ein strenges Regiment führt, ist hier situiert: Rund um das Gebäude befindet sich eine Art Gastgarten.
Verschlagene, versoffene Dorfgemeinschaft mit Minderwertigkeitskomplex: Daniel Jesch, Gunther Eckes, Rebecca Lindauer, Jörg Ratjen, Tim Werths, Roland Koch und Hans Dieter Knebel © Tommy Hetzel
Hier trifft die Dorf-Elite auf den vermeintlichen Revisor aus der Großstadt. Auf der einen Seite Richter Ammos Fjodorowitsch Ljapin-Tjapkin (Paul Basonga), Hospitalverwalter Artemij Filippowitsch Semljanika (Jörg Ratjen), Postmeister Iwan Kusmitsch Schpekin (Gunther Eckes), Polizeiinspektor Stepan Iljitsch und Kaufmann Abdulin (beide Daniel Jesch), Schulinspektorin Ljudmila Lukinischna Holopowa (Rebecca Lindauer) sowie die beiden Peter Iwanowitschs (Martin Schwab, Hans Dieter Knebl) nebst Bürgermeister. Eine verschlagene, versoffene und hinterwäldlerische Truppe mit einem kleinen Minderwertigkeitskomplex angesichts des Großstädters, der ihnen gegenübersteht: der hochgewachsene, elegant gekleidete Iwan Alexandrowitsch Chlestakow. Eigentlich ein verkrachter kleiner Beamter, genervt begleitet von seinem Diener Ossip (Oliver Nägele), durch das vorauseilende Buckeln der Dorfgemeinschaft aber rasch zum Revisor und einer Respektsperson erhoben.
Akrobatische Komparserie
Tim Werths gibt ihn souverän und sympathisch, und man kann durchaus verstehen, dass ihm sowohl Frau als auch Tochter des Bürgermeisters verfallen. Andrea Wenzl und Lola Klamroth schenken sich als Mutter-Tochter-Paar nichts, giften sich inbrünstig an ("Zitronengelb steht dir nicht"), und die genervt-gequälten Blicke von Klamroth als halbwüchsiger Tochter sind ein Genuss.
Koležnik inszeniert das routiniert, die Kostüme (Ana Savić-Gecan) machen wirklich etwas her, es gibt einige akrobatische Einlagen der Komparserie, und streckenweise ist der Abend durchaus unterhaltsam: Etwa beim großen Fest für den scheinbaren Revisor, wenn Polonaise getanzt wird und die sonst so verklemmte Schulinspektorin auf den Tisch steigt und Vicky Leandros' Schlager "Ich liebe das Leben" ins Mikro schmettert. Warum auch immer. Und genau das ist das Problem.
Appeal von Realsozialismus und Kaltem Krieg: Paul Basonga, Jörg Ratjen, Roland Koch und Rebecca Lindauer auf Klaus Grünbergs Bühne © Tommy Hetzel
Die Inszenierung verliert sich im Klamauk, im Slapstick, etwa wenn zu Beginn ständig über ein herumliegendes Kabel gestolpert wird und das Licht nicht funktioniert. Was aber erzählt werden soll mit dieser Geschichte, und warum, das bleibt schleierhaft. Stattdessen wird zunehmend zähe zweieinhalb Stunden mit Wodka herumgepritschelt, während man sich in immer exzessivere Beschimpfungsorgien hineinsteigert.
Kurzer Sichtbarkeitsmoment
Wie es auch hätte sein können, zeigt nur eine Szene, in der sogar das ansonsten zwanghaft vor sich hin hustende Publikum kurz den Atem anhält: Da spricht Martin Schwab die scheinbare Autoritätsperson an und nimmt bittend ihre Hände. Wenn er wieder in St. Petersburg sei und seine berühmten Freunde treffe, möge er ihnen doch sagen, dass in dieser kleinen Stadt ein Peter Iwanowitsch Dobtschinskij lebe. Nur dieses eine. Für einen kurzen Moment wird hier hinter der aufgeputschten Atmosphäre etwas sichtbar: ein Mensch.
Der Revisor
von Nikolai Gogol
In einer Fassung von Mateja Koležnik
Deutsch von Anja Wutej
Regie: Mateja Koležnik, Bühne und Licht: Klaus Grünberg, Kostüme: Ana Savić-Gecan, Komposition: Bert Wrede, Choreographie: Magdalena Reiter, Dramaturgie: Christina Schlögl.
Mit: Roland Koch, Andrea Wenzl, Lola Klamroth, Rebecca Lindauer, Paul Basogna, Jörg Rätjen, Gunther Eckes, Martin Schwab, Hans Dieter Knebel, Alexandra Henkel, Tim Werths, Oliver Nägele, Daniel Jesch.
Premiere am 14. Dezember 2024.
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause
www.burgtheater.at
Kritikenrundschau
Regisseurin Koležnik lege es "auf eine subtile Komödie an, getragen von der dämmernden Musik Bert Wredes", berichtet Margarete Affenzeller im Standard (15.12.2024). "Nicht durchgehend verläuft die Inszenierung auf gleichbleibend hohem Energie- und Konzentrationslevel, ist aber in Summe ein attraktiver, das Gemüt rührender Theaterabend."
"Sehr gegenwärtig, salopp und witzig ist in Koležniks Fassung", berichtet Anne-Catherine Simon in der Presse (16.12.2024) und zeigt sich von der Regie nur bedingt überzeugt. "Und was hat das mit uns, dem Publikum in Wien, zu tun? Darüber muss jeder selbst nachdenken, was man als Stärke, aber auch Schwäche der Regie sehen kann. Gogol jedenfalls ärgerte sich sehr, dass das Publikum über die Menschen auf der Bühne lachte, er wollte es anders: Lacht über euch selbst! Letzteres fördert diese Inszenierung nicht unbedingt."
"Die Rollen sind durchaus großartig besetzt", schreibt Martin Lhotzky in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (18.12.2024). Aber er registriert auch, "einige erhebliche inszenatorische Patzer" und führt aus: "Dass beispielsweise der Alkoholkonsum maßlos übertrieben wirkt, mag man noch hinnehmen. Dass aber gefühlt in jedem dritten Satz derbe Schimpfworte verwendet werden, die wir hier nicht nur aus Jugendschutzgründen lieber nicht wiederholen wollen, war kein besonders guter Einfall der Regie. Ebenso wenig die unnötigen Slapstickszenen (…)."
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Quelle, WIen Andere Wahrnehmung





Sie kennen das Stück gut ?
Was wäre denn ihrer Meinung nach nicht am Stück vorbei ?
Gruß
Den Handlungsbezug der akrobatischen Handwerkereinlagen konnte ich hingegen nicht ermitteln, und die Geldübergaben an den Revisor wurden zu meist eher länglichen Einzelauftritten. Nach der Pause gab es daher einige Längen.
Dankenswerterweise erfolgten keine krampfhaften Aktualisierungen. Und die teilweise durchaus derbe Sprache der Darsteller.innen hatte als Kontrast zu den salbungsvollen Sonntagsreden eine wichtige Funktion.