Draußen regnet's, drinnen bröckelt die Moral

27. Januar 2025. Der Tartuffe ist Bibiana Beglau – aber er steckt in Barbara Freys Inszenierung am Burgtheater auch in jeder anderen Figur. Frey und das Ensemble schärfen den Molière-Klassiker analytisch, wobei aber auch die Komik nicht zu kurz kommt.

Von Reinhard Kriechbaum

Bibiana Beglau als Tartuffe am Burgtheater © Tommy Hetzel

27. Januar 2025. Mag ja sein, dass Orgon, einfältig und verblendet wie er ist, dem Tartuffe fast zwangsläufig auf den Leim geht. Und dass tatsächlich alle anderen mit Ausnahme von Orgons Mutter von vornherein das scheinheilige Spiel des Frömmlers durchschauen und wortreich dagegen halten. Aber genau dieser vermeintlich sonnenklaren Gut-Böse-Polarisierung misstraut Barbara Frey in ihrer Inszenierung des Molière-Klassikers am Wiener Burgtheater. "In unserer Probenarbeit untersuchen wir gerade alle Figuren darauf, wie viel Tartuffe in jeder von ihnen steckt", hat Ines Marie Westernströer, neues Ensemblemitglied an der Burg, in einem Interview vorab gesagt. Barbara Frey hilft mit durchaus krassen Übertreibungen nach, so dass sich alsbald abzeichnet: Einen Gebrauchtwagen möchte man keinem und keiner in dieser Gesellschaft abkaufen.

Falschsprech-Singsang

Logisch: Alle Neugier richtet sich auf Bibiana Beglau in der Titelrolle. Ihr Tartuffe ist weit mehr als ein frommer Sprechblasenjongleur. Beglau hebt kaum einmal die Stimme, sie orchestriert im Leisen ihre Argumente, wobei sie wichtige Wörter und Formulierungen in tieferem Register Nachdruck verleiht. Diesem Falschsprech-Singsang ist nicht zu trauen, und tatsächlich hat es schon in den Akten eins und zwei gar nicht danach ausgesehen, dass Orgon sich seiner Sache wirklich sicher ist. Ob er nicht selbst zumindest leise Zweifel hegt? Ob sein grenzenloses Vertrauen Tartuffe gegenüber wohl begründet ist?

Tartuffe Scheumann MaertenscTommy Hetzel BURGMarkus Scheumann (Cléante) und Michael Maertens (Orgon) © Tommy Hetzel

Fast verlegen nestelt Michael Maertens an der Brille herum, die er in Händen hält, wenn er sich wieder mal zur Verteidigung des neuen Hausgottes genötigt sieht. Rasch gerät dieser Orgon in fast hysterisches Kreischen, um nur ja Argumente nicht hören oder gar entkräften zu müssen. Da bestätigt sich so recht Molières Kunstgriff, die Titelfigur erst im dritten Akt auftreten zu lassen: Man ist aufrichtig gespannt auf Tartuffes Erscheinen.

Unausgesprochene Rechnungen

Schwingt gar so etwas wie Erotik mit in der Männerfreundschaft? Nachdem Tartuffe das erste Mal aufgeflogen ist mit seiner Begierde nach Orgons Ehefrau und er gerade nochmal mit psychologischen Tricks den Hals aus der Schlinge bekommen hat, umarmt Maertens die Beglau. Orgon zieht Tartuffe das Sakko aus, und Tartuffe quittiert das mit einem saftigen Kuss "unter Männern".

Tartuffe Scheumann Lorenz MaertenscTommy Hetzel BURGIm Dunkeln tappend: Markus Scheumann, Katharina Lorenz, Michael Maertens © Tommy Hetzel

Das Täuschen und Blenden hat Maria Happel in der Rolle der Elmire mindestens so gut drauf wie Tartuffe selbst. Wie Orgons Ehefrau die Überraschte mimt, wenn Tartuffe mit seinen Avancen anrückt, wie Maria Happel jedes ihrer Worte mit völlig gegensätzlicher Mimik und Gestik paraphasiert: Das ist eine schauspielerische Klasse für sich. Man möchte gar nicht glauben, dass Elmire bisher so ganz und gar unbedarft dem Gang der Dinge zugeschaut haben sollte. Mag leicht sein, dass auch sie ein böses Spiel treibt, dass es zwischen den Eheleuten unausgesprochene Rechnungen zu begleichen gibt. Schier grandios auch Barbara Petritsch als Madame Pernelle. Die hat sich Pelzmantel und -mütze wie einen Schutzpanzer angezogen, um Tartuffes Falschheit nicht wahrnehmen zu müssen. Ihre eröffnende Suada kommt mit einer Schärfe, die an einen Monolog von Thomas Bernhard denken lässt.

Die Musik dient dem Text

Das Bizarre hat System in Barbara Freys Figurenzeichnungen. Bei Dorine (Katharina Lorenz), der Hausangestellten mit dem losen Mundwerk, scheinen die schier nicht einzubremsende Eloquenz und das Humpeln so gar nicht zusammen zu gehen. Schwager Clèante (Markus Scheumann) hat einen Extrabauch umgeschnallt bekommen und trägt seine unermüdliche Besserwisserei entsprechend ungelenk und mit rauer Stimme vor. Dieser tolpatschige Moralapostel scheint selbst nicht viel besser als der schmächtig-gewandte Tartuffe.

Tartuffe Frick Scheumann Happel Maertens Westernstroeer LorenzcTommy Hetzel BURGEinander die Leviten lesend: Sarah Viktoria Frick, Markus Scheumann, Maria Happel, Michael Maertens, Ines-Marie Westernströer und Katharina Lorenz © Tommy Hetzel

Fast schon skurril: Ines Marie Westernströer überragt als Tochter Mariane ihren alles andere als anziehenden Heiratskandidaten Cléante (Sarah Viktoria Frick) um anderthalb Köpfe. Frick übernimmt dann noch die ebenfalls als Knallcharge angelegte Rolle des Gerichtsvollziehers Loyal und – im stark eingekürzten "lieto fine" – jene des Polizisten. Am Ende hat in Barbara Freys Lesart Tartuffe keinen Auftritt mehr, von seiner Enttarnung und der Moral von der Geschicht' wird bloß erzählt.

Das Setting: mehrere Schiebewände, hinter denen manchmal große Glasfenster sichtbar werden, über die sturzbachartig Regenwasser fließt. Einzige Requisiten sind zwei simple Sitzgelegenheiten, auf denen es manchmal bedrohlich eng her geht. Fast immer zugegen ist ein Bühnenmusiker (Klavier, Melodica). Die Musik hilft sehr, das Tempo insgesamt einzubremsen, und das kommt der Konzentration auf den Text in gebundener Sprache (Übersetzung von Simon Werle) sehr zugute. Das Ganze wirkt wie einem Film von Tati entsprungen, umwerfend komisch und zugleich analytisch, ja sezierend gefasst. 

Der Tartuffe
von Jean Baptiste Molière
Deutsch von Simon Werle 
Regie: Barbara Frey, Bühne: Martin Zehetgruber, Mitarbeit Bühne: Stephanie Wagner, Kostüme: Esther Geremus, Kostüm-Mitarbeit: Maria-Lena Poindl, Musik: Barbara Frey, Josh Sneesby, Licht: Reinhard Traub, Dramaturgie: Lena Wontorra.
Mit: Bibiana Beglau, Michael Maertens, Ines Marie Westernströer, Sarah Viktoria Frick, Katharina Lorenz, Markus Scheumann, Maria Happel, Barbara Petritsch, Justus Maier.
Premiere am 26. Januar 2025 im Wiener Burgtheater
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause 

www.burgtheater.at

Kritikenrundschau

"Barbara Freys Inszenierung in Wien macht deutlich, dass die Problematik dieser Komödie noch aktuell ist", schreibt Norbert Mayer in der Presse (27.1.2025). "Frey hat das Schwarze betont, hat gezaubert und eine strenge, pausenlose Aufführung geschaffen, mit fantastischen Darstellern. Man merkt, dass die Schweizer Regisseurin mit diesem kleinen Ensemble im großen Burgtheater-Ensemble seit Langem vertraut ist."

Eine "filigrane Inszenierung" sah Margarete Affenzeller für den Standard (28.1.2025). Allerdings: Ihre "komödiantischen Akzente bleiben nur Tupfer auf unendlichem Anthrazit. Der tief melodramatische Grundton bestimmt die zwei Stunden zwanzig dauernde Aufführung und bremst das Stück in seiner Wirkung. Oder anders gesagt: Diesen teuflischen Begebenheiten nimmt man die Tragödie nicht so bereitwillig ab wie die Komödie."

"Frey erzählt von der Brüchigkeit einer Gesellschaft, die Wahrheit und Lüge nicht mehr auseinanderhalten kann – ohne dabei explizit auf die Gegenwart verweisen zu müssen", berichtet Ute Baumhackl in der Kleinen Zeitung (28.1.2025) von einer "recht verschatteten Komödie", die großen Applaus geerntet habe.

"Diese Komödie geht gut, aber traurig aus", so deutet Jürgen Kaube von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (28.1.2025) das Schlussbild. Der Tartuffe von Bibiana Beglau sei "die einzige Figur des Abends, die gar nichts Lächerliches hat. Tartuffe, der 'comédien', ist keine Sekunde lang komisch."

"Barbara Frey rückt dem 'Tartuffe' im Burgtheater mit heiligem Ernst zu Leibe", berichtet Günter Kaindlstorfer für "Kultur heute" auf Deutschlandfunk (27.1.2025). Das Arrangement der Bühne erinnere an einen "Film Noir mit schlechtem Wetter" – "was das mit Tartuffe zu tun hat? Schwer zu sagen.“ Aber die "glänzenden Schauspielerinnen und Schauspieler" sorgten dafür, dass es in diesem Stück doch noch "etwas zu Lachen" gebe. Aber: Barbara Frey habe Molières Komödie "jede Saftigkeit ausgetrieben. Kann man so machen, zwingend ist es nicht."

"Es ist eine sicher gelungene Aufführung, die aber keinen zentralen Gedanken hat", sagt Michael Laages in der Sendung "Fazit" auf Deutschlandfunk Kultur (26.1.2025) und lobt ein "fabelhaftes Ensemble" für "verrückte und schöne Konstellationen, die gerne sehe, aber deren Gedanken ich wirklich nicht ausmachen kann".

Kommentare  
Tartuffe, Wien: Rätsel Mensch
… ich habe eher an einen Chabrol Film gedacht wegen der Musik, die unglaublich gut eine melancholische Stimmung erzielt … die Inszenierung bestätigt wieder einmal: Tartuffe ist keine Komödie. Was treibt Orgon an? Eine überzeugende, originelle Antwort gibt es auf der Bühne nicht. Der Kuss ist eine Verlegenheitsszene, verzichtbar, hängt in der Luft bei Beglau/ Maertens… Luc Bondy liess es - vor gut 10 Jahren - enden mit dem Satz: der Mensch ist ein Tier (oder war es eine Bestie oder ein Ungeheuer?). Sie war ebenfalls keine Komödie (in der Pariser Version viel depressiver und erschütternder als in der Wiener). Das Rätsel und die zentrale Frage des Stücks, warum ein Mensch einem anderen verfällt, macht aus der Typenkomödie ein grosses [Welt(en)]Drama, deshalb war Bondys Schluss so unheimlich und war das Eingeständnis, es nicht zu verstehen … Bei Frey geht es in die gleiche Richtung … ganz was anderes: wie haben sie vor 75 Jahren ohne technische Verstärkung im Burgtheater gesprochen, sodass auf jedem Platz alles verständlich war? Oder war es das nicht?
Tartuffe, Wien: Intimität
Jeder Burgschauspieler und Burgschauspielerin kann die Bühne und den Saal ohne Mühe stimmlich füllen. Vielmehr dürften die eingesetzten technischen Hilfsmittel bei Frey eher ein Stilmittel sein (durften wir auch beim Sommernachtstraum erleben). Das erlaubt eine sprachliche Intimität, in Kombination mit der Live Musik, die ansonsten akustisch definitiv nicht möglich wäre in diesem Haus.
Der Tartuffe, Wien: Text und Schauspielkunst
Eine Inszenierung, die sich auf den Text und die Schauspielkunst verläßt, wunderbar. Und wir haben sehr gelacht, zumal über das Maleur mit Maria Happels Haarteil. Auch wenn es keine Komödie ist, so ist es doch in seiner Überzeichnung Satire.
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