Bleib bei dir

11. November 2024. Die Figuren müssen sich die Schauspieler*innen teilen in Rafael Sanchez' Shakespeare-Inszenierung, die Burgtheater-Intendant Stefan Bachmann aus Köln nach Wien mitgebracht hat. Ein reduziertes Königsdrama, bei dem alle im Schatten stehen und trotzdem ein bisschen Menschlichkeit glänzt.

Von Andrea Heinz

Martin Reinke als Lear am Burgtheater © Krafft Angerer

11. November 2024. Shakespeares Zeit muss eine sehr finstere gewesen sein. Den Eindruck bekommt man zumindest, wenn man sich so manche Inszenierung seiner Tragödien anschaut: Große Düsternis, nur der Bühnennebel wabert. So ist das im Großen und Ganzen auch auf Simeon Meiers Bühne für Rafael Sanchez' Inszenierung des "König Lear", die Stefan Bachmann in seiner ersten Saison als Burgtheater-Direktor mit aus Köln gebracht hat.

Immerhin, es gibt mobile, graue Platten, die von einem Heer an Kompars*innen in Position gebracht werden. Auf diese Wände werden manchmal Porträts projiziert, die beinahe hyperrealistisch die handelnden Personen zeigen, manchmal sogar in Bewegung. Vielleicht auch, damit das Publikum an dem langen Abend nicht den Überblick verliert. Denn Sanchez bringt eine Neuübertragung von Arnt Knieriem auf die Bühne, auf der Grundlage der Übersetzung des Grafen Baudissin, aber eingerichtet für sechs Personen.

Zwei dysfunktionale Familien

Martin Reinke ist als langsam dem Wahnsinn verfallender König Lear ein Fixpunkt. Auch Sylvie Rohrer (Goneril) und Lilith Häßle (Regan) als falsche, intrigante Töchter bleiben in ihren Rollen. Aber Katharina Schmalenberg spielt nicht nur Cordelia, die für ihre Aufrichtigkeit geschmähte und verstoßene Tochter, sondern daneben auch noch den Narren und Edgar von Gloster. Die Glosters sind so etwas wie der Spiegel der dysfunktionalen Königsfamilie: Hier ist es der uneheliche Sohn Edmund (Seán McDonagh), der mit Bruder Edgar und Vater (Bruno Cathomas) sein falsches Spiel treibt. Schmalenberg übernimmt also eigentlich die redlichen Figuren.

Lear 1200 TommyHetzelDysfunktionale Royals: Lilith Häßle, Sylvie Rohrer, Katharina Schmalenberg, Bruno Cathomas © Tommy Hetzel

Der integre, aufrichtige Graf von Kent dagegen, der Cordelia gegen ihren Vater verteidigt und zur Strafe wie sie verstoßen wird, wird ebenfalls von Seán McDonagh übernommen. Bruno Cathomas schließlich, eingeführt als Graf von Gloster, schlüpft gegen Ende auch noch in die Rolle des Herzogs von Albany. Während er sich als Gloster von albernem Unernst noch rechtzeitig vor seiner Blendung durch Regan zu einer gewissen Ernsthaftigkeit aufschwingt, scheint er als Albany vor allem das Kostüm und die Sprechgeschwindigkeit gewechselt zu haben. Er spricht langsamer und etwas mehr Französisch. Für mehr bleibt auch kaum die Zeit, so spät kommen seine Auftritte.

Kein scharfes Profil

Der Figurenschacher, der nur Live-Musiker Pablo Giw den ganzen Abend über auf der Bühne lässt, führt zu einer Reduktion, die den üppigen Text verflacht. Und er zwingt die mehrfach beschäftigten Spieler*innen, ihre Rollen extra scharf voneinander abzugrenzen. McDonaghs Kent taucht nur auf, wenn er als Stichwortgeber oder zum Vorantreiben der Handlung gebraucht wird, und bleibt gänzlich blass. Sein Edmund dagegen ist ein dermaßen übergeschnappter, Moriarty-artiger Bösewicht mit Vokuhila, dass es zwar unterhaltsam anzuschauen ist, aber zugleich ein wenig fehl am Platze wirkt.

Lear2 1200 Krafft AngererNahbarer Herrscher auf dem einsamen Thron: König Lear (Martin Reinke) © Krafft Angerer

Auch die beiden unehrlichen Töchter, Goneril und Regan, bekommen trotz redlichen Bemühens der Spieler*innen kein scharfes Profil vergönnt. Mal sind sie machtbewusste Kriegerinnen, dann verfallen sie plötzlich wie aus heiterem Himmel, Edmund und werden zu lasziven Betthäschen. Was sie im Kern ausmacht, was sie antreibt: Das bleibt bei ihnen genauso schleierhaft wie bei Edmund.

Figuren mit Kern

Überhaupt wirkt die Inszenierung sehr unentschlossen: Mal flapsig und fast albern, dann wieder düster und tiefgründig. Ein großer Wurf ist der Abend nicht, einen überzeugenden Blick auf den Text hat er nicht anzubieten. Herausgehoben wird er nur von den zentralen Figuren: Martin Reinke, der seinen Lear als nahbaren, meist fast beiläufig sprechenden und nur manchmal ins Pathos sich erhebenden König zeigt. Seine Verzweiflung, wenn er erkennt, dass er nicht mehr der mächtige, starke Mann ist, der er zu sein glaubte, geht nahe.

Und daneben Katharina Schmalenberg, der es vor allem als Edgar (bzw. in dessen Tarnung als verrückter Tom) und als Narr gelingt, Figuren aus einem Holz, aber jeweils aus eigenem Recht auf die Bühne zu stellen: Sie haben einen Kern, eine Überzeugung, die sie ohne viel Aufregung verteidigen. Und wenn man schon eine Botschaft sucht an diesem Abend, dann könnte man sie hier finden: Bei sich bleiben, und aufrecht bleiben. Gerade in schlechten Zeiten.

König Lear
von William Shakespeare
Deutsch von Arnt Knieriem
Regie: Rafael Sanchez, Bühne:  Simeon Meier, Kostüme:  Ursula Leuenberger, Komposition und musikalische Einrichtung:  Pablo Giw, Videodesign: Nazgol Emami, Licht: Michael Frank, Dramaturgie: Stawrula Panagiotaki, Jeroen Versteele.
Mit: Martin Reinke, Katharina Schmalenberg, Sylvie Rohrer, Lilith Hässle, Seán MacDonagh, Bruno Cathomas.
Wiener Premiere am 10.11.2024
Dauer: 3 Stunden 15 Minuten, eine Pause

www.burgtheater.at

Kommentare  
König Lear, Wien: Böse und unpassend
Es scheint, als hätte die Kritikerin den Abend nicht verstanden, der so packend und tief ist!
Die Figuren, die beschrieben werden, sind ganz im Gegenteil, virtuos gespielt und die Motivationen klar.
Dass dieses Stück (!!) von nur sechs Personen gespielt wird, ist schlicht genial.
Es zeigt sich wieder einmal mehr, dass man sich selbst ein Bild machen sollte und man nicht auf Kritiken bauen kann.
Diese hier ist nur eins: böse und unpassend!
König Lear, Wien: Kongeniale Inszenierung
Die Tiefe, die über Jahrhunderte nichts von ihrem inneren Abgrund "verleart"..

(...) Fülle an Themen, Metaphern und Allegorien, die dieses Stück zu bieten hat, und die in Sanchez' Inszenierung einer schwungvoll dahin geworfenen Skizze gleicht (...)
Zu stark sind die Eindrücke, zu intensiv die schauspielerischen Kraftakte und zu verschlungen die Fäden, die sich von Shakespeares Inspirationen aus dem 12. Jahrhundert, durch dessen Feder und Sprache, bis in die Gegenwart ziehen, wo sie in uns allen enden. Damit legt dieses Stück seinen Finger in eine Wunde, die es so lange wie die menschliche Existenz gibt und bis am Ende aller Tage geben wird.
Und als wenn die Qualität des Stücks und seiner kongenialen Inszenierung noch nicht genug wäre, auch die (zeitliche) Quantität fordert dem/der Zuschauer/in einiges ab. Und so sei jedem verziehen (...), wenn einem der Blick in diese Tiefe nicht sofort zum Boden gelingt ... So fern er oder sie damit die Auseinandersetzung mit diesem Stoff nicht damit als beendet betrachtet.


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Anmerkung der Redaktion: Der Kommentar wurde um Passagen gekürzt, die gegen unsere Kommentarregeln verstoßen. Sie sind hier nachzulesen:
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König Lear, Wien: Missglückt
Für Köln mag das genügen. Wenn man an die Bondy-Inszenierung aus den Nullern denkt (Warum erinnere ich mich wohl auch nach fast 2 Jahrzehnten daran?), wirkt dieser weitgehend missglückte Versuch wie modernes Provinztheater.

Neben den Doppelbesetzungen und der Langatmigkeit der Inszenierung habe ich den Text abschnittsweise als Frechheit empfunden. Wenn ich moderne Textinterpretationen sehen will, gehe ich ins „TAG“ in die Gumpendorfer Straße, die können das besser. Apropos besser: Kann dem Regisseur mal jemand sagen, dass sich die Bühne nicht nur gaaanz hinten rechts befindet? Ob des Hörspiels aufgrund der Sichtbehinderung dürfte bis zur Pause ein nicht geringer Teil des eh schon wenig zahlreichen Publikums das Handtuch geworfen haben. Das Bühnenbild war insgesamt gut. Das Schauspiel nur abschnittsweise. Hervorzuheben war leider niemand. Wer schauspielerische Virtuosität sehen will, muss die DVD von der 2008er-Festwochen-Inszenierung in den Player werfen (das wird leider der Vor-"Gen Z"-Generation vorbehalten bleiben, da jene nicht mehr weiß, was eine DVD ist und wie man diese abspielen kann). Warum die gute Musikbegleitung so vollkommen grundlos auf der Bühne stattfinden musste, wird leider ein Geheimnis bleiben.

Schade, nach den verlorenen Kušej-Jahren hoffte ich auf einen frischen Neuanfang.
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