Es bricht aus allen Schränken

28. Mai 2024. Kornél Mundruczó, Kata Wéber und das Ensemble des Proton Theater waren schon oft bei den Wiener Festwochen zu Gast. Jetzt zeigen sie erstmals eine Produktion, die nicht mehr in Ungarn zu sehen sein wird: "Parallax", ein Abend, der Hoffnung stiftet.

Von Gabi Hift

"Parallax" bei den Wiener Festwochen © Nurith Wagner Strauss

28. Mai 2024. "Ich will keine Überlebende sein, ich will leben!" schleudert die Tochter ihrer alten Mutter entgegen und verlässt türenknallend die Wohnung. Fünf Minuten später kommt sie zurück, setzt sich mit einem erschöpften: "Du hast gewonnen, ich gehe nirgendwohin" zu ihr an den Küchentisch, und es beginnt ein ebenso quälendes wie brutal komisches Streitgespräch, das die beiden offensichtlich schon hunderte Male geführt haben. Lili Monori ist Eva, die Mutter, Emőke Kiss-Végh ist Lena, die aus Berlin angereiste erwachsene Tochter.

Aus dem Radio kommen dissonante bedrohliche Choräle

Zu sagen "sie spielen" wäre nicht das richtige Wort für das, was man da auf der Bühne erlebt. Die Truppe des von Kornel Mundruczó vor fünfzehn Jahren gegründeten Budapester Proton Theaters ist ein Theaterwunder. Die Darsteller*innen wirken so vollkommen echt in dem, was sie tun, dass man sich kaum vorstellen kann, dass sie nicht genau die Menschen sind, die sie darstellen – selbst wenn man die meisten von ihnen über die Jahre schon in verschiedensten Rollen gesehen hat.

Am stärksten ist dieser Eindruck bei Lili Monori. Wenn sie in ihrer altmodischen Budapester Wohnküche im Nachthemd herumgeht und darum kämpft, ihr Leben unter den erschwerten Bedingungen einer zunehmenden Demenz in den Griff zu kriegen, IST sie diese Eva. Akribisch notiert sie alles in einem Heft, aber alles hat sich gegen sie verschworen: Das Wasser ist abgesperrt; aus dem Radio kommen dissonante bedrohliche Choräle; in die Tasse, die sie in die Mikrowelle stellt, hat sie zwar einen Teebeutel getan, aber kein Wasser.

Wie wütig und stur die beiden sich ineinander verbeißen!

Als ihre Tochter mit einem Koffer zur Tür hereinkommt, hat Eva vergessen, warum sie zu Besuch kommt und auch, dass sie nicht mehr zu Hause wohnt, sondern mit ihrem Sohn nach Berlin gezogen ist. Lena will von der Mutter Dokumente, die sie als Jüdin und Holocaustüberlebende ausweisen, damit sie ihren Sohn in Berlin in der jüdischen Schule unterbringen kann. Und sie ist da, weil der Mutter an diesem Tag eine Ehrenmedaille verliehen werden soll. Eva braucht nach ihrer Scheidung dringend Geld, und sie findet, dass das Geld von der Ehrung der Mutter ihr als Entschädigung für ihre schreckliche Kindheit zusteht. Die Mutter will aber auf einmal nicht mehr zu der Feier gehen, sie will nichts mehr von denen annehmen, die ihre Eltern nach Auschwitz gebracht haben. Auch die Dokumente will sie nicht herausrücken. Den Fehler ihrer Großmutter, die 1943 zugelassen hat, dass die Familie als jüdisch registriert wurde, will sie auf gar keinen Fall wiederholen.

PARALLAX3 1200 Nurith Wagner StraussTochter und Mutter: Emőke Kiss-Végh und Lili Monori © Nurith Wagner Strauss

Die Bühne ist dreigeteilt, in der Mitte sieht man durchs Fenster in die hyperrealistische Küche, in der die beiden streiten. Links und rechts davon erscheinen die beiden auf Leinwänden in Großaufnahme. Was Eva unerbittlich von Auschwitz erzählt, ist fast nicht auszuhalten. Aber auch die Verzweiflung der Tochter, die die ganze Kindheit hindurch mit diesen Geschichten hat leben müssen, schnürt einem die Kehle zu. Wie wütig und stur die beiden sich ineinander verbeißen, ist ebenso schrecklich wie komisch.

Wassermassen, die alles zerstören

Irgendwann vergisst Eva, dass sie nicht zur Preisverleihung gehen wollte und zieht sich an. Aber Lena hat sich zu früh gefreut: Eva hat auch vergessen aufs Klo zu gehen, und nun klatscht der Kot unter dem feinen Rock heraus auf den Boden. Lena führt die Mutter aufs Klo. Als sie sich den Kot von den Händen waschen will, geht das Wasser nicht. Gerade als man lachen muss, weil das so absurd schrecklich ist, bricht aus dem Aircondition-Kasten oben an der Wand plötzlich ein ungeheurer Schwall Wasser. Bald darauf noch einer, und dann brettern Wassermassen aus allen Hängeschränken, aus den Geräten, von der Decke. Lena versucht am Anfang noch auszuweichen, aber dann bleibt sie einfach stehen und schließt die Augen. Das geht mehrere Minuten lang so, es hört überhaupt nicht auf, die Wassermassen zerstören sukzessive alles, was nicht niet- und nagelfest ist. Völlig perplex starrt man mit offenem Mund auf die Bühne.

Im zweiten Teil – Jahre später – kommt Jonas, inzwischen ein junger Mann, in die Wohnung, zur Beerdigung der Großmutter. Weil seine Mutter erst am nächsten Tag in der Früh ankommen soll, lädt er sich für den Abend einen schwulen Freund von früher ein, und der bringt drei weitere Männer für eine Sexparty mit. Die Küche steht immer noch unter Wasser, in der Welt der Märchenkatastrophen scheint die Zeit still zu stehen. Als die vier Herren ankommen, sieht es so aus, als müsse die Sache schrecklich peinlich werden. Drei von ihnen haben schütteres Haar, einer davon einen nicht unerheblichen Bauch. Und diese Truppe will in der altbackenen Wohnung einer gerade Verstorbenen, die auch noch unter Wasser steht, eine Orgie zum Laufen bringen?

Einzigartige Offenheit und Echtheit

Aber da geht es schon los. Ein, zwei Lines Kokain werden gezogen, alle ziehen sich aus, und es folgt eine ebenso heitere wie äußerst explizite Sexparty, mit Cockring, PrEP und Gleitgel mit Cherry-Flavour. Aber dann kippt die Stimmung ganz plötzlich, als ein Mann Fotos macht, und ein anderer von ihm verlangt, sie sofort zu löschen. Es stellt sich heraus, dass dieser Mann verheiratet ist und in einem Ministerium arbeitet. Ausgerechnet auf einem Posten, der für Stellenstreichungen an eben jener Uni verantwortlich ist, an der sein heimlicher Geliebter Dozent ist. Es kommt zu einem bösen Streit, allen ist die Stimmung verdorben, Jonas bleibt allein zurück und kuschelt sich zum Schlafen ins Nachthemd seiner toten Oma.

Das Proton Theater war schon mehrmals bei den Wiener Festwochen zu Gast. "Parallax" ist nun die erste Produktion, die überhaupt nicht mehr in Ungarn gezeigt wird. In einem Klima zunehmender Repression wurden ihm die Subventionen gänzlich gestrichen. Das Proton Theater behandelt immer wieder brisante Themen wie die Situation der Roma in Ungarn oder – wie hier – die zunehmende Hetze gegen LGBTIQ+-Personen. Die Mitglieder entwickeln all diese Stoffe gemeinsam aus persönlichen Erfahrungen. Dadurch erreichen sie diese einzigartige Offenheit und Echtheit, die man sonst kaum wo erleben kann.

PARALLAX5 1200 Nurith Wagner StraussWas müsste ich fühlen? © Nurith Wagner Strauss

Was ebenfalls wiederkehrt, sind spektakuläre Einbrüche einer unerklärlichen Gewalt, die den Hyperrealismus ins Surreale kippen lassen. In Imitation of life 2016 wehrte sich eine alte Romni in einer ganz ähnlichen (wenn auch ärmlicheren) Küche gegen die Zwangsräumung. Damals begann sich am Ende des ersten Teils die gesamte Küche um die eigene Achse zu drehen, bis sie verwüstet war. Diese Erfahrung schmälert die Wirkung des herabstürzenden Wassers in "Parallax" aber keineswegs, sie verstärkt sie eher noch. Es öffnet sich ein Portal zu einem Universum, in dem mit solchen Einbrüchen des Surrealen jederzeit zu rechnen ist.

Als würden sie sich ab und zu einem Tänzchen treffen

Auch Figuren kehren wieder. Evolution von 2019 erzählt bereits die Geschichte von Eva, Lena und Jonas. Dort beginnt sie in Auschwitz mit dem Baby Eva. Der zweite Teil von "Evolution" ist identisch mit dem ersten Teil von "Parallax". Was man danach sieht, die Geschichte des erwachsenen Jonas, der im LGBTQ+-feindlichen Budapest von heute um seine Identität als queere Person ringt, ist ganz neu hinzugekommen.

Auch hier hat man nicht das Gefühl einer Wiederholung, sondern es scheint einem so, als gäbe es die Welt, in der die vom Proton Theater erschaffenen Menschen leben, wirklich irgendwo da draußen, unabhängig von den Aufführungen. Und als würden sie sich ab und zu zu einem Tänzchen treffen. Denn so endet "Parallax": Als Lena am nächsten Morgen anreist, findet sie ihren Sohn schlafend inmitten der Überreste der Sexparty. Er hat auch seine Kippah vergessen und erklärt ihr, dass er sich ohnehin nicht als Jude fühlt. Eine unaufgelöste, unbehagliche Situation.

Aber dann heben sie, bevor sie zur Beerdigung aufbrechen, noch zu ein paar Tanzschritten an – und auf einmal kommt die tote Großmutter dazu und tanzt mit, und dann erscheinen auch noch die vier von der Sexparty, und alle finden in einer somnambulen kleinen Choreografie zusammen. Das ist so schwebend, schräg und voll Liebe, dass es einen irren Ausbruch von Hoffnung hervorruft und einem die Tränen aus den Augen rinnen, so überraschend wie vorher das Wasser aus der Klimaanlage.

Parallax
von Kata Wéber und Ensemble
Regie: Kornél Mundruczó, Dramaturgie: Soma Boronkay, Stefanie Carp, Künstlerische Mitarbeit: Dóra Büki, Bühne: Monika Pormale, Kostüm: Melinda Domán, Licht: András Èltetö, Musik: Asher Goldschmidt, Choreografie. Csaba Molnár.
Mit: Lili Monori, Emőke Kiss-Végh, Erik Major, Roland Rába, Sándor Zsótér, Csaba Molnár, Soma Boronkay
Uraufführung am 27. Mai 2024
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.festwochen.at

Kritikenrundschau

Man merke der Produktion an, dass Kornél Mundruczó vor allem Filmemacher sei, berichtet Martin Thomas Pesl in der Sendung Fazit auf Deutschlandfunk Kultur (27.5.24). "Er liebt es, Stimmungen mit Soundtracks zu unterlegen", und er inszeniere auch einerseits "sehr realistisch", so der Kritiker. "Es fühlt sich wie eine Echtzeitaufführung an, die Spielerinnen und Spieler sprechen komplett ungekünstelt." Gleichzeitig schaffe der Regisseur es aber auch immer wieder, "diesen Realismus zu durchbrechen". Zudem spreche der Abend mehr über ungarische Politik als bisherige Abende von Kornél Mundruczó und dem Proton Theater.

"Die Dialoge von Kata Wéber sind von harter, untrüglicher Wahrheit", schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (28.5.24). Man sehe in "Parallax" viele Leben, "die alle einen Defekt, ein Trauma" hätten. "Aber am Ende", so der Kritiker, "tänzeln alle zusammen mit einem Lächeln einer Hoffnung entgegen."

"Wie schwierig es in der ungarischen Gesellschaft geworden ist, als Mitglied der LGBTQI+-Gemeinde man selbst zu sein, ist nur ein Thema dieses Abends, ausgiebig geht es um die individuelle Lebensentscheidungen angesichts potenziell bedrohlicher politischer Veränderungen", so Ute Baumhackl von der Kleinen Zeitung (28.5.2024), die einen "furiosen Wort- und Bilderstrom" erlebte.

"Mundruczó und Autorin Kata Wéber erzählen eine berührende Geschichte von Entwurzelung und verzweifelter Suche nach Identität", schreibt Thomas Trenkler vom Kurier (29.5.2024).

"Was könnte die Botschaft sein? Wenn der Neoliberalismus, wie in Ungarn, die vereinzelt Einzelnen der Konkurrenz in allen Lebensbereichen aussetzt, dann lasst sie wenigstens in ihrem sichtbaren persönlichen Leben in Ruhe mit euerm patriarchalen Familienbild, Queerfeindlichkeit und anderem christlich-abendländischen Scheiß", so Uwe Mattheiß von der taz (29.5.2024).

"Man grübelt: Ist eine jüdische Identität wirklich vergleichbar mit einer – offenbar recht fluiden – sexuellen Identität?", fragt sich Thomas Kramar von der Presse (29.5.2024). "Es kommt immer auf den Blickwinkel an: Die trickreiche Regie Mundruczós drückt diese eigentlich recht triviale Weisheit räumlich aus." Sein Theater – "ausgeführt von seinem meisterlichen Ensemble, dem Proton Theatre" – bestehe auf Verstörung.

"Mal diskursiv extrem komprimiert, aber ohne zu belehren, ist Parallax an anderen Stellen wieder herrlich verschwenderisch verspielt. Wie das Licht durchs Küchenfenster fällt und so schön die Tageszeiten markiert, wie der Regisseur Livevideo und Bühne kombiniert, Realismus mit ureigenstem Bühnenzauber mixt, für Lachen und Mucksmäuschenstille im Publikum sorgt – das ist einfach toll", schwärmt Michael Wurmitzer vom Standard (29.5.2024).

Kommentare  
Parallax, Berlin: Gestern im HAU
Schade, dass das Stück nur für zwei Tage gastiert. Es hat mich berührt und zum Nachdenken angeregt. Grandios der Übergang vom ersten zum zweiten Teil mit den Wassermassen, für mich ein Symbol einer kaum zu bewältigenden Trauer. Im zweiten Teil geht es scheinbar vorrangig um die Verhandlung der Ausgrenzung von LGBTIQ+-Menschen im gegenwärtigen Ungarn. Aber letztlich wird auch der Enkel wegen seines Jüdischseins auch von seinen Sexpartner*innen ausgegrenzt - im letzten, kurzen Teil begrüßt ihn seine Mutter mit "welcome to the club". Auch sie hatte sich im ersten Teil dagegen gewehrt, dass das Jüdischsein so zentral für ihr Leben sein soll. Jahre später - mit wohl entsprechenden Erfahrungen - reagiert sie auf die Emanzipationsversuche ihres Sohnes wie damals ihre Mutter auf sie.
Ein Stück von bedrückender Aktualität mit tollen Schauspieler*innen und einem schönem, hoffnungsvollem Ende, in dem der Tanz das verbindende Element zwischen den Menschen ist. Keine neue Idee dieses Jahr im HAU, aber ohne Naivität und didaktischer Intention umgesetzt, sondern mit Spielfreude nach existentiell erschütternden Erfahrungen (im ersten Teil, der dargestellte Hedonismus im zweiten Teil ist eher analytisch).
Parallax, Wien/Berlin: Zerfällt
Ein hyperrealistischer Abend mit surrealen Einsprengseln, der in drei Teile zerfällt.

Das Streitgespräch zwischen Großmutter Eva und Mutter Lena über die Traumata des Holocaust, die auf der Familie lasten, ist zwar oft recht plakativ, aber die stärkste Passagedes Abends. Es kulminiert in Sturzbächen von Wasser, die aus der Klimaanlage und diversen Schächten dringen und die Bühne fluten.

Harter Schnitt, Jahre später sind wir in derselben Küche, die Großmutter ist gestorben. Jonas reiste zur Beerdigung an und feiert eine Orgie oder zumindest das, was sich Mundruczó/Wéber darunter vorstellen. Mit viel Drogen plantschen er und einige andere, meist wesentlich ältere Männer durch die Küche der Verstorbenen und deuten diverse Penetrationen an. Diese Szene kulminiert in der Empörung eines Ministeralbeamten, der nach außen das Leben eines brav-heteronormativen Familienvaters vorspiegelt, dass Filmaufnahmen gemacht wurden. Er rechnet mit der selbstbewussten Pride-Kultur der LGBTIQ+-Szene ab und rechtfertigt seinen Spagat zwischen linientreuer Anpassung an ein autoritäres System und heimlicher Triebabfuhr.

Dies wird alles arg in die Länge gezogen, bevor sich alle, inclusive der gerade verstorbenen Großmutter, zu einem harmonischen, fast kitschigen Traumtanz in der Küche wieder zusammenfinden.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2024/06/13/parallax-hau-berlin-kritik/
Kommentar schreiben