Volksvernichtung oder meine Leber ist sinnlos - Burgtheater Wien
Milieukrieg im Mietshaus
19. Oktober 2025. Groteske Gestalten bevölkern das Haus, in dem Werner Schwabs "Volksvernichtung oder meine Leber ist sinnlos" spielt. Regisseurin Fritzi Wartenberg inszeniert das Stück als eine Kletterpartie, in der sich jeder an die soziale Position, vulgo die Couch, klammert.
Von Jakob Hayner
Werner Schwabs "Volksvernichtung oder meine Leber ist sinnlos" von Fritzi Wartenberg am Burgtheater Wien inszeniert © Tommy Hetzel
19. Oktober 2025. Liest man heute die "Fäkaliendramen" des gegen die alltägliche Phrasenhölle anschreibenden und -saufenden Werner Schwab – wie auch Stücke von Sarah Kane, Mark Ravenhill oder Martin Crimp –, staunt man, wie wütend und antibürgerlich die Dramatik vor der Jahrtausendwende noch war. Da steckte noch viel vom Destruktionsfuror des "Macht kaputt, was euch kaputt macht!" drin, während heute die "Zerstörungslust" (so das neue Buch der Soziologen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey) gar als Wegbereiterin des "demokratischen Faschismus" gilt.
Man staunt also auch, dass das ehrwürdige Burgtheater nun gerade Schwabs Stück "Volksvernichtung oder meine Leber ist sinnlos" von 1991 auf den Spielplan gesetzt hat. Ein Signal für mehr Krawall und Remmidemmi im Theater? Nicht mit Fritzi Wartenberg. Die sechs Jahre nach der Uraufführung geborene Regisseurin nimmt Schwabs "Radikalkomödie" und verpackt sie zeitgemäß neu: bunt und beschaulich.
Bunte Sozialstilisierung
Wie albern und harmlos kann ein Abend daherkommen, in dem es um einen Milieukrieg aller gegen alle in einem Mietshaus geht, garniert mit Alkoholmissbrauch, Vulgärsprache, Kindesmisshandlung, Massengiftmord und Gewaltfantasien bis Hirnfick mit Mutter? Vielleicht sogar so sehr, bis es fast wehtut. Immerhin, so könnte man einwenden, verwehrt sich die Inszenierung in ihrer an Filme von Wes Anderson erinnernden Stilisierung von Pastelltönen bis Tannengrün einem hyperrealistischen Sozialvoyeurismus mit bekleckertem Feinrippunterhemd.
Im gedrehten Bühnenbild von Jessica Rockstroh: "Volksvernichtung" am Burgtheater Wien © Tommy Hetzel
Ob man nun das eine oder das andere schlimmer findet, dürfte Geschmackssache sein, vielleicht ist es auch eine falsche Wahl. Man wartet in den zwei Stunden jedenfalls lange auf einen Satz, der sich ins von der Ironie Ungeschützte vorwagt, der über die groteske Grimasse hinausweist. Allein bei Stefanie Reinsperger, mit der Wartenberg erfolgreich das Sisi-Stück "Elisabeth!" am Burgtheater gemacht hat, als dilettierendem Maler mit Pumuckl-Perücke und dem sprechenden Namen Wurm klingt etwas davon an.
Kletterpartie übers Mobiliar
Bei der Mutter des Gernegroßkünstlers, gespielt von Maresi Riegner, ahnt man zum Beispiel, was für ein abgründiges Ungetüm diese Figur hätte sein können, nur sehen tut man es nicht wirklich. Es bleibt im Konjunktiv. So ergeht es leider auch dem restlichen Ensemble in ihren Rollen, ob als sozialdemokratischer Familienhorror oder Intelligenzbestie: Franziska Hackl, Tilman Tuppy, Jonas Hackmann, Zeynep Buyraç, Sebastian Wendelin. Sie werden schauspielerisch in der Luft hängen gelassen. Und zwar wortwörtlich, womit wir beim Hingucker des Abends wären.
An die soziale Position geklammert: "Volksvernichtung", im Bild: Jonas Hackmann, Zeynep Buyraç, Tilman Tuppy, Sebastian Wendelin © Tommy Hetzel
Die Bühne von Jessica Rockstroh ist um 90 Grad gekippt, sodass das Publikum die Draufsicht hat – und das Ensemble keinen Boden mehr unter den Füßen. Klingt clever, vor allem bei Figuren, die sich so verbittert an ihre soziale Position klammern wie die Schauspieler ans Bügelbrett. Nur erschöpft sich die Kletterpartie schnell und dann wird bewegungsarm und perspektivisch verwirrend nach vorne deklamiert. Daraus hätte man mehr machen können (zum Beispiel großartigen Klamauk, wie am Vorabend bei der Volkstheater-Premiere "Komödie mit Banküberfall"). Wieder Konjunktiv.
Wenig Boden unter den Füßen
Das enge Korsett der konzeptuellen Idee erdrosselt den Abend sichtlich. So ein künstlerischer Beinahekollaps ist nicht unausweichlich, wie Rieke Süßkow mit ihrer zum Theatertreffen eingeladenen Schwab-Inszenierung "Übergewicht, unwichtig: Unform" vor zwei Jahren zeigte, die allerdings bei der Formalisierung von Bühne und Sprache schlicht so weit ging, dass es schon wieder interessant wurde. Bei "Volksvernichtung" sind hingegen die künstlerischen Mittel nicht zu solcher Konsequenz getrieben. Hat man deswegen den Eindruck, dass sich hier nichts aufdrängt, schon gar nicht aggressiv? Kein Anliegen, kein Gedanke, selbst die Sprache nicht?
Oder ist es einfach nur höflich, sodass das Publikum sich der ästhetischen Nichtbelästigung erfreuen darf, die hier gar im Gewand eines einstigen Theaterrebellen daherkommt (ganz ähnlich erwischte es zwei Tage zuvor, auch am Burgtheater, schon Thomas Bernhard mit "Auslöschung"). Am Ende war es doch etwas zu viel, was an diesem Abend im Konjunktiv geblieben ist. Und nicht immer fügt sich das so schön wie in Dorothee Elmigers gerade preisgekröntem Roman "Die Holländerinnen".
Volksvernichtung oder meine Leber ist sinnlos
von Werner Schwab
Regie: Fritzi Wartenberg, Bühne: Jessica Rockstroh, Kostüme: Esther von der Decken, Choreografie: Sabina Perry, Musik: David Rimsky-Korsakow, Licht: Norbert Piller, Dramaturgie: Christina Schlögl.
Mit: Stefanie Reinsperger, Franziska Hackl, Tilman Tuppy, Maresi Riegner, Jonas Hackmann, Zeynep Buyraç, Sebastian Wendelin.
Premiere am 18. Oktober 2025
Dauer: 2 Stunden, keine Pause
www.burgtheater.at
Kritikenrundschau
Man weiß bei Werner Schwab heute, was einen erwarte, so Christoph Leibold in DLF Kultur Fazit (18.10.2025). Schwab provoziere aber nicht mehr wie vor 35 Jahren, "da wird es schnell folkloristisch." Fritzi Wartenberg kehre zu sehr das Groteske und die dunkle Komödie raus und versuche, das Abgründige über das Bühnenbild herzustellen. Ob das ein zwingendes Bild sei fürs Balancieren an Abgründen, sei mal dahin gestellt, so der Kritiker. "Auf jeden Fall ist es ein toller Anblick." Mit weniger Komik hätte sich das Abgründige aber vermutlich mehr eingestellt.
"Das Muster einer Schwab-Inszenierung" sah Ronald Pohl und schreibt im Standard (20.10.2025): "Eine famose junge Regisseurin" habe "mit dem warmen Atem der Zuneigung, ohne jeden Anflug von Ekel" Schwabs Figuren "phänomenal wachgeküsst".
Auch Bettina Steiner ist in der Presse (20.10.2025) begeistert und fühlt sich von dem Abend "mit dem Theater versöhnt". "Es gibt einige gute Gründe, warum Werner Schwabs Stücke nach Jahrzehnten immer noch regelmäßig gespielt werden, obwohl der Faktor Provokation heute wohl niemanden mehr ins Theater lockt: Ihre Sprache hat nämlich nichts an Musikalität und Rasanz verloren. Und die Menschen sind auch nicht weniger übel als damals", schreibt Steiner. "Aber Fritzi Wartenberg hat in ihrer Inszenierung noch etwas anderes herausgearbeitet, was man früher gern übersehen hat: die schreckliche Not all dieser abscheulichen Figuren. Und das ist Kunst."
Regisseurin Fritzi Wartenberg und Bühnenbildnerin Jessica Rockstroh machen es ihrem siebenköpfigen tollen Ensemble nicht leicht zu folgen, so Martin Das Publikum blickt nacheinander auf drei horizontal gekippte Kulissen quasi von oben. "Keine geringe akrobatische Anstrengung, da herumzuturnen, aber die Schauspielerinnen und Schauspieler schaffen es bravourös." Dass mit der Rolle des Herrmann Wurm, die grandiose Stefanie Reinsperger betraut hat, "ist keine Überraschung und bietet doch Anlass zu großer Freude". "Den Abschlussmonolog hätte man vielleicht ein wenig kürzen können (...) Dennoch großer, verdienter Applaus."
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Egal wie sehr man dabei spuckt und behaupten muss, dass man jetzt etwas "radikales und krasses" rausschreit. Aber vielleicht liegt es auch genau daran. Wer weiß. Am Ende regnet es Konfetti. Theater. Hurra. Ab zum Würstelstand. Da ist's meist krasser.